LYRIKZitat

Neulich saß ich mit einer Zigarette und einem Becher Muckefuck auf meinem Balkon, die Abendsonne versöhnte mich mit dem anstrengenden Tag und auf meinem Handy entspann sich ein tröstender Dialog mit meinem Seelenbruder F. aus dem Süden.  Nach Wochen der inneren Zermürbung fühlte ich Verbundenheit, Präsenz, Klarheit, Liebe. Und in diesem Augenblick schickte mir meine Freundin B. ein Gedicht von May Sarton. Die letzten Zeilen beschreiben die Essenz dieser Minuten, mein Gefühl in den Worten einer anderen Lyrikerin. Ich bin den modernen Kommunikationswegen dankbar für diese literarische Fügung:

„Now there is time and time is young.
O, in this single hour I live
All of myself and do not move.
I, the pursued, who madly ran,
Stand still, stand still, and stop the sun!”

aus:  „Now I become myself“ von May Sarton (1912 – 1995),

Ich bin jetzt. Ich brauche nicht mehr rennen, keiner verfolgt mich, es herrscht Frieden. Alles ist gut.

ZEITlese

Corona und die Zukunft?

Arundhati Roy schreibt:

„Nichts wäre schlimmer, als wieder zur Normalität zurückzukehren. In der Geschichte haben Seuchen Menschen gezwungen, mit der Vergangenheit zu brechen und sich ihre Welt neu zu entwerfen. Das ist bei dieser Pandemie nicht anders. Sie ist ein Portal, ein Tor zwischen einer Welt und der nächsten.

Wir können uns entscheiden, hindurchzugehen und dabei die Kadaver unserer Vorurteile und unseres Hasses hinter uns herzuschleppen, unsere Habgier, unsere Datenbanken und toten Ideen, unsere toten Flüsse und verqualmten Himmel. Oder wir können leichten Schrittes hindurchgehen, mit wenig Gepäck, bereit dazu, uns eine andere Welt vorzustellen. Und bereit, für sie zu kämpfen.“

© Arundhati Roy 2020, „Durch das Tor des Schreckens“, in: DIE ZEIT, 8. April 2020, Nr. 16, S. 4-5.

ZEITlese

Corona und das Klima? Corona und die Gerechtigkeit?

Es herrscht ein Zustand als „[…] hätte die Klimakrise beschlossen, zwecks Beschleunigung und besserer Wahrnehmung zum Virus zu werden.“


„ […] und all die systemrelevanten, zumeist unterbezahlten Menschen, die Kassiererinnen und die Pfleger, die Polizisten und die Erzieherinnen, sagen: Wir müssen reden, Leute, so was machen wir nicht noch mal mit, nicht für das bisschen Geld und nicht für so wenig Wertschätzung wie vorher.“

von Bernd Ulrich „Apocalypse, not now”, in: DIE ZEIT, 19. März 2020, Nr. 13, S. 14.

und:

„Womöglich werden wir in Deutschland endlich beginnen, die Arbeitsbedingungen in diesen Berufen zu verbessern. Das Missverhältnis zwischen `Systemrelevanz´ und Gehalt wird sich nicht mehr ignorieren lassen.“

von Marc Brost „Zusammen – aber wie geht das noch mal?“, in: DIE ZEIT, 19. März 2020, Nr.13, S.4.

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