Noch etwas Farbe

Noch etwas Farbe

Noch dreißig Minuten habe ich in diesem verflixten Kreativraum Zeit, meine Weltsicht, meine Haltungen zu allem, meine Positionen in Wolle, Filz, Ton, Acryl oder mittels der Collagetechnik zu einem einzigen Kunstwerk zum Ausdruck zu bringen. Die Leute hier sind die Gesellschaft einmal querbeet. Es scheint wichtig zu sein. Am Ende dieser Zeit sind wir von der Visionsbeschleunigerin Frau Stella Starlight dazu eingeladen, unsere Werke im ansprechend designtem Showroom zu präsentieren und darüber in einen Dialog einzusteigen.  Die politischen und ideologischen Grabenkämpfe sollen im künstlerischen Schaffen innovativ aufgehoben werden.

         Ich fange hektisch an, kleine Tongestalten mit vielerlei Geschlechtern zu kneten, die ich auf einer Holzplatte in einem Kreis aufstellen möchte, sie sollen sich gegenseitig an den Händen halten. Ich knete dicke, ich knete dünne, ich knete beinamputierte und schwangere, größere und kleinere Figuren. Angesichts der wenigen Zeit geraten meine Menschen etwas abstrakt, die Gesichtszüge sind nicht sehr ausdifferenziert. Wird es deutlich, was ich sagen will? Dass es wichtig ist, dass wir einander festhalten und einander zugewandt sind, mögen unsere Meinungen und Sichtweisen auch noch so verschieden sein? Ist das zu platt gedacht, zu einfach, zu sozialromantisch?

         Ich denke an die Menschen in meinem weiteren Umfeld, von denen ich meine oder weiß, dass sie mit den Falschen sympathisieren. Alte Schulfreundinnen, mit denen ich noch Kontakt halte, Menschen aus meiner Verwandtschaft. Bringt es etwas, ihnen trotz aller politischen Differenzen immer wieder die Hände zu reichen? Oder sollte ich sie unserer massiver Meinungsverschiedenheiten wegen verstoßen, den Kontakt verweigern und abbrechen? Oder könnten wir noch miteinander reden? Ich knete und knete, stelle meine Figuren optimistisch in den Kreis und betupfe sie am Ende noch mit etwas Farbe.


© Friederike Hermanni, 2026

Veröffentlicht inProsa

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