Ein schönes Ende

Ein schönes Ende

Der Moment, in dem ich meine Hand auf die Klinke des Zimmers 1B im Pflegeheim „Zum heiligen Martin“ legte, wusste ich, dass er heute wacher sein würde. Meine Mutter hatte in Absprache mit dem überarbeiteten Dorfarzt erwirkt, dass alle seine Medikamente abgesetzt werden sollten. Nichts mehr gegen das Vorhofflimmern, keine blutdrucksenkenden Mittel mehr, aber eben auch kein Benzodiazepam mehr. Ich öffnete die Tür, und da lag er in seinem zu kurzen Bett und hatte die Augen weit offen. Zerbrechlich, zart, hilfesuchend wirkte er, aber er war wach. Wacher als sonst. Als ich ihm zur Begrüßung einen vorsichtigen Kuss auf seine stoppelige Wange drückte, sah ich, dass seine Augen aufleuchteten, so als würde er mich erkennen. Ich setzte mich auf den Hocker neben sein Pflegebett, ergriff seine Hand und begann die trockene, fast transparente Haut sanft zu streicheln. Ich saß da, stimmte in sein Schweigen ein und genoss die Zärtlichkeit zwischen uns. Und dann bemerkte ich, dass er sich anschickte, etwas zu sagen. Er hatte schon lange nicht mehr gesprochen. „Es ist ein schönes Ende“ sagte er mit kehliger Stimme. „Das Ende wovon, Vati?“ „Es ist ein schönes Ende des Lebens.“ So deutlich, so einfach so klar. Sein Geist konnte diesen seinen finalen Zustand eindeutig benennen. Und er wirkte friedlich dabei. Trotz all seiner Schwäche. Trotz oder gerade wegen der Nähe des Todes.

© Friederike Hermanni, 2026

Veröffentlicht inProsa

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2 Kommentare

  1. Liebe Friederike,
    was für ein schöner, berührender Text. Ich gehe mal davon aus, dass es sich um deinen Vater handelt. Diesen Moment, diese Verbundenheit wirst du nie vergessen.
    Ich wünsche dir und deiner Mutter alles Gute.
    Lieben Gruß
    Sabine Jähne

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