Das H-Gedicht

Das H-Gedicht

Herr Kowalcik, der Poet aus dem Turmzimmer der Traumgasse 17, hatte eine Phase seines Schaffens erreicht, in welcher er das Bedürfnis, etwas Bleibendes in die Welt zu setzen, nicht länger ignorieren konnte.

Zu lange, meinte er, hatte er sich schon der Wegwerf-Lyrik gewidmet mit seinen Gedichten, die er vor dem örtlichen Supermarkt den Einkaufenden in die Hand drückte. Zu oft hatte er die bunten Papierchen zerknüllt in der zugigen Ecke mit den Einkaufswagen gefunden, wenn er nachts auf der Suche nach Inspiration um die Häuser strich.

Er wollte ein an die Homogenisierung und Pasteurisierung von Milch angelehntes Verfahren entwickeln, um ein H-Gedicht zu schaffen, das er in Tetra Paks zu verkaufen dachte. Worte der Permanenz sollten dem Gedicht Langlebigkeit verschaffen.

Das Gedicht sollte beständig sein, pflegeleicht, unempfindsam gegenüber Mehltau und anderen Unannehmlichkeiten. Vor allem sollte es aber kein Mindesthaltbarkeitsdatum benötigen, sondern im Falle des Überlebens der Menschheit auch zukünftigen Generationen Trost und Halt bieten.

Herr Kovalcik wollte das Menschliche konservieren, die Lust, den Hunger, das Bedürfnis nach Schlaf, nach Licht, nach Körperkontakt. In gleichem Maße die Sehnsucht, den Wunsch nach einer Rückfalloption, die Angst und den Überlebenswillen. Das Streben nach Selbstwirksamkeit, nach Geborgenheit. Den Appetit auf Schwarzwälder Kirsch oder gleich einen Schnaps.

Vor allem aber strukturierte er sein Gedicht mit einem einzigen Wort: Hoffnung. Damit versuchte er, das Gedicht von innen zu stabilisieren, ihm Form und Halt zu verleihen. Später erzählte man sich, dass das Gedicht reißenden Absatz gefunden hätte. Die Menschen gaben einfach nicht auf.


© Friederike Hermanni, 2026

Veröffentlicht inProsa

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