Flügel

Leicht berührt hatte sie der Stoff
der durch die Jahre flog
leicht wie ein Wind
                               – ein Bonbon vor der Tür

Sanft berührt hatte ihn der Stoff
den sie auf ihrem Rücken trug
zart wie ein Kind
                               – eine Kusshand auf den Lippen

Leicht berührt hatten sie die Flügel
die sie durch die Jahre trugen
vorsichtig wie Zauber*innen
                              – mit Konfetti in der Luft

Noch nicht geküsst hatte sie die Welt
die sie in sich erschuf
behutsam die Magierin
                               – die den Zauber nur erfindet

Geküsst hatte sie der Wind
der in den Jahren alles in sich trug
das sie in sich gefunden
                               – ohne ihn zu suchen

© Friederike Hermanni, 2022

Herr November

Er legte seine behüteten Hände
um ihre Schultern gesellte sich sanft
zu ihr

Sein Glanz leicht zerknittert
neben den alten Sternen
unter dem verlorenen Laub

Er kam um da zu sein
im Nebel des Feuers
auszuharren

Die roten Blüten anzuzünden
bis die Sonne des neuen Jahres
die Taublumen weckt

© Friederike Hermanni, 2022

Der Anfang

Ich bin alt
war immer schon da
bin allgegenwärtig
werde immer da sein

Ich sehe euch zu
lebe in euren Tagen und Nächten
höre eure Stimmen
teile eure Angst

Ich weiß um euch
habe alles gesehen
auf Hochzeiten getanzt
die bösen Träume durchwacht

Ich werde wahr
in euren Taten und Gedanken
was wird liegt ganz allein
bei euch

Ihr wisst all das nicht
schickt Raketen zum Mond
verzweifelt am Tod
der doch nur der Anfang ist

© Friederike Hermanni, 2022

Atmen

Sie senkt sich. Meine Brust senkt sich
Endlich. Es ist Zeit
Nachts habe ich es eingeatmet
Habe das Ungesagte getrunken
Mich vom Schweigen ernährt
Stille Worte verdaut
Nach Luft geschnappt
Unter der Haut
Nun bleiben mir Nebeltage
Die Erinnerung auszuatmen
Sie senkt sich. Meine Brust senkt sich
Endlich. Es ist Zeit

Dank an Jandl

© Friederike Hermanni, 2022

Eines Tages

WOW – das Herz öffnet sich wie ein Palastsaal – die Kronleuchter aus Kristall funkeln – das Parkett glänzt – draußen eine Schar Friedenstauben am weit geöffneten Himmel – der Stern gibt sein Bestes – Menschen weigern sich, Bomben abzuwerfen – der Fliegerhorst bleibt ruhig – Soldat:innen ziehen ihre Uniformen aus – Haubitzen schmelzen in der Sonne – die Granaten sind mit Konfetti gefüllt – der alte Mann stirbt an Herzinfarkt – die Fernsehbilder zeigen Blumen – bunte Fahnen auf den Dächern – die Regierung verteilt Sachertorte – die Münder der Kinder sind mit Schaumküssen verschmiert – die Leute ziehen ihre Glückskleider an – malen sich Schönheitsflecken auf die blasse Haut – die Lippen rot – der Taft knistert beim Tanzen – alle besaufen sich an der Freude – ZUSÄTZLICH: – jede:r hat genug Brot, Salz und Wein – alle COs-Schleudern werden durch Zeppeline ersetzt – oder durch Heißluftballons – die Nachbarn und Nachbarinnen dieser Welt fallen sich in die Arme – die Bäume verlieren ihre Angst.

© Friederike Hermanni, 2022

August

wenn der Nagellack abblättert
und der See langsam kippt
wenn die Bäume verdorren
und der Sommer im Flussbett versiegt

flüchte ich ins Freibadblau
atme den Klang kreischender Kinder
inhaliere den Geruch der Wassertiere
lasse blaues Eis aus der Waffel tropfen

wenn mit den Füßen im Gras
nur noch Nacktsein möglich ist
wenn wir im dunklen Garten Schnaps trinken
die Lampions entzünden

dann ist August

dann kommen die Nächte wieder früher

© Friederike Hermanni, 2022

BALKON 1.-4.

NATURBEOBACHTUNG

  1. ein Murmeln der Unbekannten
    Flugzeuge am Himmel verwaist
    da: eine entschiedene Männerstimme
    ein Motorrad trumpft auf ich denke an ihn
    Verabschiedung da draußen
    eine Tür fällt ins Schloss etwas geht zu Ende
    im Untertitel dröhnt die Stadt

  2. zerzupfte Wolken über dem Garten
    unbesehen schiebt sich Blau dazwischen
    Trompetenbäume setzen auf Hoffnung
    und doch vertrocknen Sommerreste in Kästen

  3. träge Luft des Sommers
    eher Juli als klarer August
    fader Duft des Kaffees lässt mich schlafen und vergessen
    irgendwie Plastik und immer der Rosmarin

  4. die Luft ist heute zärtlich zu mir

© Friederike Hermanni, 2022

frauenzimmer

meine kleider gewänder
der leichtigkeit lockruf
der nacht meine schminke
die blüten verkleidung
darin spuren des leichtsinns
auf dem laken mein freund
das junge goldgerahmt
[kindheit in plüschanzügen – abgewetzt]

restauration meiner wände

© Friederike Hermanni, 2022

Ohne Angst

Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken
Ohne Angst vor dem neuen Morgen würde ich in Himmeln schwanken

Ohne Angst würde ich mit den Wolken fliegen, mit den Vögeln ziehen
Ohne Angst würde ich mit Fallschirmen springen
Ohne Angst würde ich auf Kap Horn landen[1]

Ohne Angst würde ich das Schild „Zutritt nur für Hafenarbeiter“ übersehen
Ohne Angst würde ich mich auf das Firmengelände von Cargo Unlimited trauen
Ohne Angst würde ich nachgucken, was in den MAERSK-Containern eigentlich drin ist

Ohne Angst würde ich Metall aufschweißen
Ohne Angst würde ich Kisten öffnen
Ohne Angst würde ich in Holzwolle wühlen

Ohne Angst würde ich die Osborne 103 liebevoll in die Hände nehmen
Ohne Angst würde ich mich am Industriehafen auf die Kaimauer setzen
Ohne Angst würde ich mir das Leben schöntrinken

Ohne Angst würde ich dem Blick des Hafenarbeiters begegnen
Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken


[1] Kap Horn, die Straße in Gröpelingen/Bremen, keineswegs Kap Hoorn in Südamerkika

© Friederike Hermanni, 2022

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

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