August

wenn der Nagellack abblättert
und der See langsam kippt
wenn die Bäume verdorren
und der Sommer im Flussbett versiegt

flüchte ich ins Freibadblau
atme den Klang kreischender Kinder
inhaliere den Geruch der Wassertiere
lasse blaues Eis aus der Waffel tropfen

wenn mit den Füßen im Gras
nur noch Nacktsein möglich ist
wenn wir im dunklen Garten Schnaps trinken
die Lampions entzünden

dann ist August

dann kommen die Nächte wieder früher

© Friederike Hermanni, 2022

BALKON 1.-4.

NATURBEOBACHTUNG

  1. ein Murmeln der Unbekannten
    Flugzeuge am Himmel verwaist
    da: eine entschiedene Männerstimme
    ein Motorrad trumpft auf ich denke an ihn
    Verabschiedung da draußen
    eine Tür fällt ins Schloss etwas geht zu Ende
    im Untertitel dröhnt die Stadt

  2. zerzupfte Wolken über dem Garten
    unbesehen schiebt sich Blau dazwischen
    Trompetenbäume setzen auf Hoffnung
    und doch vertrocknen Sommerreste in Kästen

  3. träge Luft des Sommers
    eher Juli als klarer August
    fader Duft des Kaffees lässt mich schlafen und vergessen
    irgendwie Plastik und immer der Rosmarin

  4. die Luft ist heute zärtlich zu mir

© Friederike Hermanni, 2022

frauenzimmer

meine kleider gewänder
der leichtigkeit lockruf
der nacht meine schminke
die blüten verkleidung
darin spuren des leichtsinns
auf dem laken mein freund
das junge goldgerahmt
[kindheit in plüschanzügen – abgewetzt]

restauration meiner wände

© Friederike Hermanni, 2022

Ohne Angst

Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken
Ohne Angst vor dem neuen Morgen würde ich in Himmeln schwanken

Ohne Angst würde ich mit den Wolken fliegen, mit den Vögeln ziehen
Ohne Angst würde ich mit Fallschirmen springen
Ohne Angst würde ich auf Kap Horn landen[1]

Ohne Angst würde ich das Schild „Zutritt nur für Hafenarbeiter“ übersehen
Ohne Angst würde ich mich auf das Firmengelände von Cargo Unlimited trauen
Ohne Angst würde ich nachgucken, was in den MAERSK-Containern eigentlich drin ist

Ohne Angst würde ich Metall aufschweißen
Ohne Angst würde ich Kisten öffnen
Ohne Angst würde ich in Holzwolle wühlen

Ohne Angst würde ich die Osborne 103 liebevoll in die Hände nehmen
Ohne Angst würde ich mich am Industriehafen auf die Kaimauer setzen
Ohne Angst würde ich mir das Leben schöntrinken

Ohne Angst würde ich dem Blick des Hafenarbeiters begegnen
Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken


[1] Kap Horn, die Straße in Gröpelingen/Bremen, keineswegs Kap Hoorn in Südamerkika

© Friederike Hermanni, 2022

Rückkehr

Du bist da vor mir endlich
an mich geworfen
nach deiner langen Reise noch
dort wo ich dich nicht kenne
nicht weiß wie du bist so fremd
so nah war ich dir
im Kopf das Herz
so ganz ohne dich
zähle ich was frisch ist

© Friederike Hermanni, 2021

Im Süden

Wenn wir die Gärten verlassen
berühren wir das Meer
das am Horizont mit dem Versprechen
beginnt dass die blauen
Türen den Sommer über
ihre Blüten öffnen bis
du in mir geborgen bist

© Friederike Hermanni, 2021

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Was bleibt

Ich trauere nicht um die Worte
die wir längst verloren haben

Sehne mich nicht zurück
in den dichten Kokon unserer Liebe

Wenn ich gegangen sein werde
hängt allein unser Schweigen
noch über dem Küchentisch

© Friederike Hermanni, 2020

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