Ohne Angst

Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken
Ohne Angst vor dem neuen Morgen würde ich in Himmeln schwanken

Ohne Angst würde ich mit den Wolken fliegen, mit den Vögeln ziehen
Ohne Angst würde ich mit Fallschirmen springen
Ohne Angst würde ich auf Kap Horn landen[1]

Ohne Angst würde ich das Schild „Zutritt nur für Hafenarbeiter“ übersehen
Ohne Angst würde ich mich auf das Firmengelände von Cargo Unlimited trauen
Ohne Angst würde ich nachgucken, was in den MAERSK-Containern eigentlich drin ist

Ohne Angst würde ich Metall aufschweißen
Ohne Angst würde ich Kisten öffnen
Ohne Angst würde ich in Holzwolle wühlen

Ohne Angst würde ich die Osborne 103 liebevoll in die Hände nehmen
Ohne Angst würde ich mich am Industriehafen auf die Kaimauer setzen
Ohne Angst würde ich mir das Leben schöntrinken

Ohne Angst würde ich dem Blick des Hafenarbeiters begegnen
Ohne Angst wäre da die Lust, Weinbrand aus Wassergläsern zu trinken


[1] Kap Horn, die Straße in Gröpelingen/Bremen, keineswegs Kap Hoorn in Südamerkika

© Friederike Hermanni, 2022

Unfassbar

Kaffee und Zigaretten in der Sonne
wenn alles ganz still ist und nur die Amsel singt
Auf der Straße ein Lächeln
Es wandert von Gesicht zu Gesicht
Leute nehmen einander in den Arm
Manche streicheln nackte Haut
Und es ist unfassbar schön

Da überfällt ein Mann das Nachbarland
Bodenschätze fallen ins Gewicht
Zivilisten eher nicht
Militärkolonnen rollen auf Städte zu
Einfache Männer steuern die Laster
Blindenheime gehen in Flammen auf
Und nachts sterben Menschen

Weit entfernt schmilzt Eis im Kindermund
Eine Frau trägt ein schönes Kleid
Und jemand stimmt das froh
Es geschieht, dass Blüten regnen
Und der Himmel blau aussieht
Manche spielen Klavier
Und es ist unfassbar schön

Frauen müssen in U-Bahn-Schächten gebären
Menschen in überfüllten Zügen fliehen
Da verbrüdern sich Diktatoren
Belächeln die neuen Realisten die alten Pazifisten
Finanzieren Kanzler Waffen gegen Gewalt
Sprühen Mutige FCKPTN an Häuserwände
Und nachts sterben Menschen

Zärtliche Hände verzaubern den Tag
Andere spielen mit roten Knöpfen
In Momenten glühen wir glücklich
Und im Osten lodern die Brände
Löscht das Böse die goldenen Nächte?
Wer hat hier zu wenig Liebe getankt?
Und wer wird am Ende noch leben?

© Friederike Hermanni, 2022

Rückkehr

Du bist da vor mir endlich
an mich geworfen
nach deiner langen Reise noch
dort wo ich dich nicht kenne
nicht weiß wie du bist so fremd
so nah war ich dir
im Kopf das Herz
so ganz ohne dich
zähle ich was frisch ist

© Friederike Hermanni, 2021

Im Süden

Wenn wir die Gärten verlassen
berühren wir das Meer
das am Horizont mit dem Versprechen
beginnt dass die blauen
Türen den Sommer über
ihre Blüten öffnen bis
du in mir geborgen bist

© Friederike Hermanni, 2021

Novelle

Die Menschen befolgten  die Gesetze
Berührten sich nicht
Ließen die Finger von den Anderen
Auch von jenen, die in der Nähe waren
Jetzt sind die Gesetze geändert worden
Nun werde ich wieder umarmt
Als wäre ich gänzlich ungefährlich

© Friederike Hermanni, 2021

Sehnsucht

Im Ansatz verwegen
Nach Pumps im Tanzlokal

Geradezu aberwitzig
Nach roten Plüschzweisitzern

Am Bildschirm verwittert
Nach Lennon am Feuer

Digital überfüttert
Nach lebendigen Dingen

Vollverschleiert
Nach tätlicher Körpersprache

Fast verrucht
Nach bloßer Menschenhaut

© Friederike Hermanni, 2021

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Was bleibt

Ich trauere nicht um die Worte
die wir längst verloren haben

Sehne mich nicht zurück
in den dichten Kokon unserer Liebe

Wenn ich gegangen sein werde
hängt allein unser Schweigen
noch über dem Küchentisch

© Friederike Hermanni, 2020

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