Sehnsucht

Im Ansatz verwegen
Nach Pumps im Tanzlokal

Geradezu aberwitzig
Nach roten Plüschzweisitzern

Am Bildschirm verwittert
Nach Lennon am Feuer

Digital überfüttert
Nach lebendigen Dingen

Vollverschleiert
Nach tätlicher Körpersprache

Fast verrucht
Nach bloßer Menschenhaut

© Friederike Hermanni, 2021

Eine Erinnerung

Rote Münder
geschmückt
mit Paillettenkleidern
Nackte Rücken
an weißen Hemden
berauscht
Die Tänze entzückt
die Herzen verrückt
und verschenkt
am Knistern
des Feuers
ein Leuchten
der Lampions aus China
an zarten Fäden
die die Menschen
verschmolzen
Sie tranken
von den Früchten
und verdrehten
die Köpfe
Sie wurden
schöner und glühten und
spürten
ihr Dasein am eigenen Körper
Wie sie feierten
als sie die Angst noch nicht kannten

© Friederike Hermanni, 2021

Übermorgen

Damals
gönnte ich mir zuweilen den Luxus,
in kleinen Läden einzukaufen.
Mit echtem Bargeld.
Die Stempelfarbe auf dem Treuepass
war so analog, dass sie
in meiner Geldbörse immer verschmierte.
Goldene Zeiten!
Ich kaufte dort den teuren Tee,
den „Himmelstau“ mit
echten blauen Blüten.

Heute
brauchte ich
die letzten Krümel davon auf.
Jetzt bleiben mir nur noch die
hundertzwanzig Sorten aus dem Supermarkt.
Die „Heiße Liebe“ buhlt mit der „Kleinen Auszeit“
um meine Sehnsucht.
Ich wähle die „Schwedische Blaubeere“,
um mich über den geschlossenen
Einzelhandel hinwegzutrösten.
Die Farbe wärmt mich von innen.

Morgen
werde ich durch die verstorbenen Innenstädte wandern,
mich an den Geruch von frischem Fisch erinnern,
der auf dem Eis in der Theke lag.
Daran, wie schön es war,
Kleidungsstücke in verschiedenen
Farben und Formen in
zu kleinen Kabinen anzuprobieren.
Mir Goldringe probeweise
an die Finger zu stecken.
Bei Jacques einen Caffé Americano zu schlürfen.

Auch morgen noch
werde ich mich weigern,
Tee online zu kaufen.
Ich werde mich auf übermorgen freuen.

© Friederike Hermanni, 2021

9 Haikus zum Umgang mit dem neuen Jahr

Licht ist um uns am
Abend und am Morgen wenn
wir ganz still werden

*

Geduldig den Lauf
der Sonne und der Sterne
geschehen lassen

*

Den Dingen ihren
Raum geben blaue Blüten
werden entstehen

*

Die Zeit braucht Freiraum
um ihre Köstlichkeiten
scheu zu entkleiden

*

Dem Naturgesetz
von Ebbe und Flut mutig
ins Auge blicken

*

Das Licht all der noch
Fremden erwidern neue
Freunde erscheinen

*

Zärtlichen Goldlack
auf Menschen pinseln auf dass
die Liebe hell glänzt

*

Um Gelassenheit
Mut und Weisheit bitten so
wird der Himmel licht

*

Noch steht die Sonne
tief am Himmel winterblass
Doch sie wird steigen

*

© Friederike Hermanni, 2021

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

Goldflucht

Ich warte auf dich
nachts wenn es still ist
wittere deine Reise über Grenzen

Das Hochzeitscollier für den Schleuser
immer wieder
verloren
ohne Kontakt
ohne Hartgeld

Die schweren Ohrringe für ein Mobiltelefon
immer wieder
geklaut
ohne Lager
ohne Brot

Die Diamantringe für das Versteck im Laster
immer wieder
jenseits der Gesetze
bist jung du
Najim Sternensohn

Mein Brautpreis für dein Leben
Zehn Monate ohne Schlaf
Bis du an unsere Tür klopfst


© Friederike Hermanni
, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Luxusland

Die Kraftwerke pumpen
Die Akkus sind geladen
Es ist genug Saft da

Die Rechner surren
Die Tablets glühen
Wir arbeiten daran

Die Handys vibrieren
Die Telefone rotieren
Wir sind nicht allein

Die Fernseher informieren
Die Radios senden
Wir wissen Bescheid

Die Wasserkocher brodeln
Die Kaffeemaschinen brühen
Wir leiden keinen Durst

Die Heizer wärmen
Die Lampen brennen
Wir frieren nicht

Die Kühltheken surren
Die Kassen funktionieren
Wir haben zu essen

Die Monitore flimmern
Die Automaten gehorchen
Die Beatmungsgeräte laufen
Wir sterben nicht alle

Wir haben keinen Stromausfall
In unserem Luxusland

© Friederike Hermanni, 2020

Auswege

Wenn unsere Stimmen
die Vereinzelung übertönen
Wenn unser Halleluja
die Grenzen bezwingt
Wenn die Trommel
unsere Seelen beschwört
Tun sich Wege auf
die Angst hinter uns zu lassen
den Erregern zu trotzen
und uns die Hände zu reichen

© Friederike Hermanni, 2020

Der Zugbegleiter

Behutsam öffnete er
die Türe meines Abteils
Legte die Uniform ab
und blieb drei Jahre
Wir schauten
vorüberziehenden Landschaften zu
Unser Blick verlor sich in der Weite
Am Ende erreichten wir die Station
mein Ausstieg wurde unausweichlich
Ich dankte für die Reise
und setzte sie auf eigenen Füßen fort

© Friederike Hermanni, 2020

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