Ganz nah

Wenn ich dir schreibe
öffne ich meine Schleusen
erlaube dir
in meinem Kopf zu lesen
gewähre dir Zutritt
zu den Ziertürmen
meines Gehirns dort
zeige ich dir das Diebesgut
die Regionen in die ich
fliehen kann wenn
unklar ist wie alles
weitergeht wenn
wir nicht wissen wie wir
die nächste Mahlzeit
bezahlen sollen wie wir
das Morgen bestehen
und ob wir uns je
wieder küssen werden
wenn ich nicht weiß
ob deine Arme mich
auffangen ob ich dich
wieder tragen kann über
die Schwelle meiner
Existenz dort
wo Frieden herrscht
wenn ich dir schreibe
so stehst du an meiner Seite
legst deine Hand auf meine
Schultern berührst mich
mit deiner Flanke
so stelle ich mir das
vor wenn du
ganz nah bist

© Friederike Hermanni, 2020

Goldflucht

Ich warte auf dich
nachts wenn es still ist
wittere deine Reise über Grenzen

Das Hochzeitscollier für den Schleuser
immer wieder
verloren
ohne Kontakt
ohne Hartgeld

Die schweren Ohrringe für ein Mobiltelefon
immer wieder
geklaut
ohne Lager
ohne Brot

Die Diamantringe für das Versteck im Laster
immer wieder
jenseits der Gesetze
bist jung du
Najim Sternensohn

Mein Brautpreis für dein Leben
Zehn Monate ohne Schlaf
Bis du an unsere Tür klopfst


© Friederike Hermanni
, 2020

Sommertag

die Lachen auf den blaulackierten
Biertischen spiegelten den gestreiften
Himmel als wäre es pretty normal
dass wir im Innern der Imbissbude
filigrane Zeichnungen fertigten
um der Welt etwas entgegenzusetzen


© Friederike Hermann
i, 2020

Realitäten

Die Haltung zur Welt
auf den hinteren Rängen der Chats?
Für immer ungelesen.

Rezept 5 bis 998
wenn ich bei Google Quarkkeulchen eingebe?
Nie nachgekocht.

Der letzte Paragraph
in den Nutzungsbedingungen?
Wir sehen alles!


© Friederike Hermanni,
2020

Wagnis

  1. Angst?
    Ein Jetzt ist möglich.
    Mehr gibt es nicht zu tun.

  2. Ich bin
    am richtigen Ort.
    Auch bei schwierigen Sichtverhältnissen.

  3. Ich gebe die Kontrolle auf.
    Ich tauche ein.
    In voller Montur.


© Friederike Hermanni,
2020

Kein Bild

Mein Du war Bild von dir
gemalt mit den Flügeln der Liebe
Es hing im Vorstellungsraum

Mein Du war Galerie von dir
doch glich sie
deinen Farben und Gesichtern?

Das Du versprach mir ein Morgen
von dem es kein Bild gab
das zu zeichnen ich nicht vermochte

Und nun hat das Du mich verloren
Ich lebe an einem Ort
der unerreichbar ist


© Friederike Hermanni, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Luxusland

Die Kraftwerke pumpen
Die Akkus sind geladen
Es ist genug Saft da

Die Rechner surren
Die Tablets glühen
Wir arbeiten daran

Die Handys vibrieren
Die Telefone rotieren
Wir sind nicht allein

Die Fernseher informieren
Die Radios senden
Wir wissen Bescheid

Die Wasserkocher brodeln
Die Kaffeemaschinen brühen
Wir leiden keinen Durst

Die Heizer wärmen
Die Lampen brennen
Wir frieren nicht

Die Kühltheken surren
Die Kassen funktionieren
Wir haben zu essen

Die Monitore flimmern
Die Automaten gehorchen
Die Beatmungsgeräte laufen
Wir sterben nicht alle

Wir haben keinen Stromausfall
In unserem Luxusland

© Friederike Hermanni, 2020

Auswege

Wenn unsere Stimmen
die Vereinzelung übertönen
Wenn unser Halleluja
die Grenzen bezwingt
Wenn die Trommel
unsere Seelen beschwört
Tun sich Wege auf
die Angst hinter uns zu lassen
den Erregern zu trotzen
und uns die Hände zu reichen

© Friederike Hermanni, 2020

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