9 Haikus zum Umgang mit dem neuen Jahr

Licht ist um uns am
Abend und am Morgen wenn
wir ganz still werden

*

Geduldig den Lauf
der Sonne und der Sterne
geschehen lassen

*

Den Dingen ihren
Raum geben blaue Blüten
werden entstehen

*

Die Zeit braucht Freiraum
um ihre Köstlichkeiten
scheu zu entkleiden

*

Dem Naturgesetz
von Ebbe und Flut mutig
ins Auge blicken

*

Das Licht all der noch
Fremden erwidern neue
Freunde erscheinen

*

Zärtlichen Goldlack
auf Menschen pinseln auf dass
die Liebe hell glänzt

*

Um Gelassenheit
Mut und Weisheit bitten so
wird der Himmel licht

*

Noch steht die Sonne
tief am Himmel winterblass
Doch sie wird steigen

*

© Friederike Hermanni, 2021

Wohin?

Heute in der Winterkirche gewesen
Suppe ausgeteilt

Sie trugen zerschlissene Kleidung
die Masken befleckt

Wie den Becher halten
an den Händen die Tüten

Der Hunger stärker als Stolz
die Straßen ihr Pflaster

Nachhause zurückgekehrt
Ein Raum nur für mich

Fließend Wasser, ein Ofen, ein Bett
Brot und Wein, Bücher, Musik

Hier ist es warm
Vor der Tür die Nacht

Einer war zarter als die Anderen
noch nicht lange da draußen

Er hatte sich an die Welt verloren
wusste nicht, wohin nach dem Tag

Die Kirche ist nachts geschlossen

© Friederike Hermanni, 2020

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

Der Gruß

Ich hänge meine Einsamkeit
wie eine Christbaumkugel ins Winterfenster
Im Block gegenüber bewegt sich
der Vorhang, ein Gesicht erscheint
verwittert, der alte Mann
Er entdeckt den glänzenden Schmuck
sieht mich dahinter, im Schatten
Seine Hände winken mir
Ich kann wieder atmen


© Friederike Hermanni, 2020

Herkunft

I
Ich sah dich nie
in deiner blutigen Fleischerschürze
Lief neben dir
zu den Linden am Hang
als du mir erzähltest
du seist nur Koch in der Feldküche gewesen
hättest nie einen Menschen erschossen
Auf deinem Sterbebett
begrub ich den ersten Helden

II
Sogar dein Kalter Hund
war mit Präzision geschichtet
kaum essbar so dunkelsüß
Im Wintergarten die Luft aus Porzellan
dort schriebst du mir wie es war
von der Schuld
der glühenden Liebe zum Führer
vom Glauben an den Staat
Der Tod im Wendesommer deine Erlösung

III
Deine Brust in heller Mondnacht
im Licht der Felder nur wir zwei
Und doch vergisst du nie
den Zug der Häftlinge
von den Schergen durch dein Dorf getrieben
Mit 17 machtest du dich auf
über Wiesen über Grenzen
Dein Körper schenkte mir Leben
Mutig wurdest du Ikone der Liebe

IV
Die Nächte im Bunker das reinste Abenteuer
erzähltest du oft
Verlorene Wochen bei fremden Bauern
prägten deine Einsamkeit
Deine Suche nach Gott
führte zum reinen Bewusstsein
Wach und hell lebst du
wandelst zwischen den Sternen
und wirst mich nie verlassen

© Friederike Hermanni, 2020

Goldflucht

Ich warte auf dich
nachts wenn es still ist
wittere deine Reise über Grenzen

Das Hochzeitscollier für den Schleuser
immer wieder
verloren
ohne Kontakt
ohne Hartgeld

Die schweren Ohrringe für ein Mobiltelefon
immer wieder
geklaut
ohne Lager
ohne Brot

Die Diamantringe für das Versteck im Laster
immer wieder
jenseits der Gesetze
bist jung du
Najim Sternensohn

Mein Brautpreis für dein Leben
Zehn Monate ohne Schlaf
Bis du an unsere Tür klopfst


© Friederike Hermanni
, 2020

Sommertag

die Lachen auf den blaulackierten
Biertischen spiegelten den gestreiften
Himmel als wäre es pretty normal
dass wir im Innern der Imbissbude
filigrane Zeichnungen fertigten
um der Welt etwas entgegenzusetzen


© Friederike Hermann
i, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Luxusland

Die Kraftwerke pumpen
Die Akkus sind geladen
Es ist genug Saft da

Die Rechner surren
Die Tablets glühen
Wir arbeiten daran

Die Handys vibrieren
Die Telefone rotieren
Wir sind nicht allein

Die Fernseher informieren
Die Radios senden
Wir wissen Bescheid

Die Wasserkocher brodeln
Die Kaffeemaschinen brühen
Wir leiden keinen Durst

Die Heizer wärmen
Die Lampen brennen
Wir frieren nicht

Die Kühltheken surren
Die Kassen funktionieren
Wir haben zu essen

Die Monitore flimmern
Die Automaten gehorchen
Die Beatmungsgeräte laufen
Wir sterben nicht alle

Wir haben keinen Stromausfall
In unserem Luxusland

© Friederike Hermanni, 2020

Auswege

Wenn unsere Stimmen
die Vereinzelung übertönen
Wenn unser Halleluja
die Grenzen bezwingt
Wenn die Trommel
unsere Seelen beschwört
Tun sich Wege auf
die Angst hinter uns zu lassen
den Erregern zu trotzen
und uns die Hände zu reichen

© Friederike Hermanni, 2020

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