Der Augenblick

Der Augenblick

Ich habe dich zwischen den Zeitungsständern gesehen
Am anderen Ende der Stadt

Deine Augen trugen die Farben meiner Vergangenheit
Dein Haar fiel dir locker ins Gesicht

Da – die Sonne ging auf
und du tratst ein am Rande meiner Existenz

Wir berührten uns im Schatten des Lichtes
wussten um dieses seltene Gut

In deinem Gesicht verschmolzen die Geschichten meiner Zeit
Deine Arme waren wie Flügel

Ich wusste ich würde dich bald schon verlieren
und hielt deine Hände bis der Augenblick verschwand

© Friederike Hermanni, 2024

Traum

Traum

Es war eine Zeit
die im Zweifel begann
und immer wieder fragte
ob es gut sei so wie es war
die suchte und
fand sich immer wieder verlor
die glauben wollte
dass es gut sei so wie es war
die wissen wollte
ob es so bleiben würde
die Antworten finden wollte
auf alle Atemzüge der Dunkelheit
in der ich von mir träumte

© Friederike Hermanni, 2024

Der Stern

Der Stern

Als der Nebel in der Straße hängt
fahre ich über das Kopfsteinpflaster
die Blumen sind hier teuer
doch in ihrem Fenster hängt ein Stern
aus weiß schimmerndem Papier
in einer zarten Fassung aus Silber
sie raucht ihre Zigaretten
tatsächlich mit einer Spitze
trägt Nadelstreifen und bemalte
Lippen gerne würde ich
Hand in Hand mit ihr
eine Bar betreten um dem Piano
zu lauschen und ihr zusehen
wie sie dem Kellner zuzwinkert
als hätten ihre blassblauen Augen
schon immer gewusst
was zu tun ist

© Friederike Hermanni, 2024

Es wird langsam

Es wird langsam

A) Im Wind

Und da ist dieses Zittern in mir
wenn ich in der Luft hänge um Erbsen zu zählen
wenn da wieder dieser scharfe Schnitt kommt
und der beat lauter wird als mein Herz

Und da bewegt sich das Zittern
bricht sich Bahn wenn das Außen sich selbst torpediert
erschüttert den Raum wenn der Lärm innen drin detoniert
greift um sich wenn ein Bild sich potenziert

Und das Zittern das bleibt
wenn die Gewalt den Überblick
                                                  verliert
sich auch die Sicherheit meines Gehirns
die Synapsen frieren im Wind

B) Langsam wärmer

Und das Zittern sucht Schutz
in den Armenvierteln der Stadt
wo nichts zu holen ist bei denen
die schon lange verloren

Und das Zittern kehrt heim
spielt eine kleine Überraschungsmelodie
zieht sich selbst den roten Mantel an
dreht den Ring am kleinen Finger

Und das Zittern verliert Kraft
wenn das Bärenfell
                          wächst
der Verdacht, dass…
ach, ja, es wird langsam wärmer

© Friederike Hermanni, 2023

Bis an die Grenze

Bis an die Grenze

Treppen hinauf zu deinem Tempel
Eine Stiege hinunter in sein Herz

Tunnel zu seinem Wechselstrom
Tiefe Gräben zu deiner Veranda

Fluchtwege zum paradiesischen Land
Korridore in deine Zustände

Flugrouten raus aus dem Chaos
Sandpisten direkt ins Nirwana

Passagen aus der Verzweiflung
Fluchtwege ins grüne Nichts

Ein sicherer Gang zur Gepäckannahme
Feuerstangen auf deiner Insel

Trampelpfade ins Vertrauen
Ein Labyrinth –
Bis an die Grenze

© Friederike Hermanni, 2023

Ein Letztes

Für alle Mütter, Schwestern, Freund:innen, für alle Liebende dieser Erde, für alle Jungen, für alle Alten:

Ein Letztes

Es ist als wäre es
verdreht wie konnten wir uns
früher am Flug der Vögel
ausrichten wissen
wo der Norden wohin der Süden
sich öffnet

Sich schließende Fluchtrouten
über die Eukalyptusländer
Wanderungen banger Fragen
die Strecken der Graugänse werden kürzer
vereitelt wie konnten wir damals
so sicher sein

Wenn die Vögel sich am Himmel
vereinzeln – wie konnten wir
all diese Schornsteine errichten
die am Ende der falschen Richtung
nicht einfach
abgeschaltet werden können

So drehen wir uns weiter
folgen dem Kompass
dessen Nadel
die Magnetfelder nicht mehr erkennt
und wir in separaten Räumen
den weißen Tauben
ein letztes Gebet anvertrauen

© Friederike Hermanni, 2023

Balkon, Herbst

Balkon, Herbst

Unversehrt
am Geländer der Vogelbrut
Laute hören wenn draußen das Geschirr
klappert wie der Lockruf
des Mauerseglers

Nester gebaut
in der Luft ungestört
vom Quietschen der Reifen
und der gewaltigen Tiere
auf den Straßen dieser Nacht

Das behutsame Heulen
der Kinder wenn sie die
Luft durchdringen
auch wenn wir Großen
längst in anderen Welten leben

Immer noch erinnert
das Anrufen der Anne
an Kindertage auf dem Dorf
als wir die Türen noch nicht im
Gewitterregen ins Schloss fallen ließen

Wenn Vögel Sekunden am Himmel
verbringen wenn der Geruch
der verbrannten Maiskolben
im Feld die Bilder wecken
lockt mich schlafend euer Ruf

für Donkas schwarze Vögel

© Friederike Hermanni, 2023

Solange

Solange

aus den Zitronenbäumen des Sommers gezupft
in die herbstliche Milch gerührt
auf die Holzmauern des Winters geschichtet

habe ich all die Vehikel im Höhenflug
die wiederentdeckten Seerosen
die Stromschnellen

um sie blindlings und undercover
in Gold umzuschlagen
– solange noch Zeit bleibt

© Friederike Hermanni, 2023

Vielleicht

Vielleicht

behutsam öffne ich den Deckel der verblühten Zeit
das Wasser von dem ich träumte
schwerer als Granit und Saphir
die Mondjahre die wir teilten
behüteten unsere Worte voll Blut

bald werde ich zum Spiegel der vergangenen Zeit
trage sie nachts zum Meer
wo Morgenrot uns sein Versprechen schenkt
– noch kann ich mich nicht vertäuen
doch bald – vielleicht


© Friederike Hermanni, 2023

aus Papier

aus Papier

du kannst mich nach Hause tragen
wenn ich verblute
wenn meine Welt zerfällt
oder wir sie selbst zerlegen
mit wachen Augen
siehst du die Fehler im System
legst deine Finger in die Wunden
meines Lebens zwischen den Seilen
aus Papier

© Friederike Hermanni, 2023

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