Novelle

Die Menschen befolgten  die Gesetze
Berührten sich nicht
Ließen die Finger von den Anderen
Auch von jenen, die in der Nähe waren
Jetzt sind die Gesetze geändert worden
Nun werde ich wieder umarmt
Als wäre ich gänzlich ungefährlich

© Friederike Hermanni, 2021

Der Baum

Auf dem schmalen Grünstreifen
zwischen den grauen Häuserblocks
dieser mittleren Großstadt
verschenkst du vollkommene Blüten
als Argumentationshilfe
gegen die Fluten, die Brände,
die einstürzenden Häuser
Die Welt dreht sich
Dinge geraten aus den Fugen
Menschen bringen sich den Tod
Und du blühst
ohne Zweifel

© Friederike Hermanni, 2021

Das Fest

*

Sommerwiesensträuße in
Glasvasen auf Holztischen Schüsseln
voller Kirschen sie reifen
in unseren Mündern die
die Erinnerungen mit dem
Augenblick verbinden als
wäre schon immer klar gewesen
dass wir uns an diesem
Julitag treffen würden ohne
zu wissen wer wir an diesem Tag sind

*

Du hast nicht gezögert mir
von deinem Mädchen erzählt es
trägt meinen Namen ein
Blick von draußen dein Platz
auf dem Holzstuhl im Garten
ich schaue aus dem Fenster
es ist die Musik diese Frau
am Klavier sie erzeugt
Unbedingtheit wie die Schriften
an der Wand das Wirtshaus
hat alles gesehen heute der
Kirschkuchen und dann dein Lächeln

*

Nachts schläfst du allein
im Zelt deines Rausches
als die Nacht vorbei ist
der Mond und die Kugel
im Tanzsaal erloschen
treffen wir uns am Tisch
in der Sonne das dunkle
Brot unseres Freundes
nährt uns du streifst
mein Kleid es ist weiß ich
grüße dich all die Menschen
um uns ins Gespräch vertieft
als wäre nichts passiert aber
du hast mich gesehen

*

Als hätten wir all diese
Dinge erlebt Menschen geheiratet damals
Kinder ausgetragen und Theater gespielt
um in der Nacht Obstbrand
zu trinken wie Wasser so
durstig auf Holzdielen zu tanzen
als gäbe es keine Alternative
zu meiner Hand auf deinem
Rücken als ich gehe wir
sehen uns wenn der Sommer sich jährt

*

© Friederike Hermanni, 2021

Bruder Mensch

Sie haben dich geschlagen
Seitdem suchst du Liebe

Ich sehe deine Wunden
Und schenke dir meine Tränen

Erzähle dir meine Geschichte
Und höre dir zu

Mitten in der Nacht
Wachen wir auf

Um heute zu leben

für einen Freund
© Friederike Hermanni, 2021

Sehnsucht

Im Ansatz verwegen
Nach Pumps im Tanzlokal

Geradezu aberwitzig
Nach roten Plüschzweisitzern

Am Bildschirm verwittert
Nach Lennon am Feuer

Digital überfüttert
Nach lebendigen Dingen

Vollverschleiert
Nach tätlicher Körpersprache

Fast verrucht
Nach bloßer Menschenhaut

© Friederike Hermanni, 2021

9 Haikus zum Umgang mit dem neuen Jahr

Licht ist um uns am
Abend und am Morgen wenn
wir ganz still werden

*

Geduldig den Lauf
der Sonne und der Sterne
geschehen lassen

*

Den Dingen ihren
Raum geben blaue Blüten
werden entstehen

*

Die Zeit braucht Freiraum
um ihre Köstlichkeiten
scheu zu entkleiden

*

Dem Naturgesetz
von Ebbe und Flut mutig
ins Auge blicken

*

Das Licht all der noch
Fremden erwidern neue
Freunde erscheinen

*

Zärtlichen Goldlack
auf Menschen pinseln auf dass
die Liebe hell glänzt

*

Um Gelassenheit
Mut und Weisheit bitten so
wird der Himmel licht

*

Noch steht die Sonne
tief am Himmel winterblass
Doch sie wird steigen

*

© Friederike Hermanni, 2021

Wandel

Trotz allem ein Vortasten
ein Fühlen was gut ist
Anprobe von Langsamkeit
die mir Luft lässt

So behutsam die Dinge
wenn ich einfach nur bin
lebe am Rande der Zeit
wo das Moos schon erblüht

© Friederike Hermanni, 2020

Tamtam

Unsere Körper, die drehten ihr Ding.
Liefen aneinander heiß,
kultivierten die lovestory im Kopf,
ignorierten das Warngeblinke.
So gaukelten sie uns Liebe vor
und wir, wir klammerten uns
an den Fetisch der
immer schon abgenutzten Ewigkeit.
Das Verfallsdatum fand sich im Diesseits.
Doch ohne Träume
gäb’s den ganzen schönen Tamtam nicht.


© Friederike Hermanni, 2020

Der Zugbegleiter

Behutsam öffnete er
die Türe meines Abteils
Legte die Uniform ab
und blieb drei Jahre
Wir schauten
vorüberziehenden Landschaften zu
Unser Blick verlor sich in der Weite
Am Ende erreichten wir die Station
mein Ausstieg wurde unausweichlich
Ich dankte für die Reise
und setzte sie auf eigenen Füßen fort

© Friederike Hermanni, 2020

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