Wo genau
Wir sind da
um einander zu wiegen
uns gegenseitig die
bösen Träume zu verscheuchen
Blumen im Haar zu tragen
den Raum mit Rhythmus zu füllen
Und weißt du noch
wann wir unserem Gott begegnet sind?
Und wo genau?
© Friederike Hermanni, 2026
Wo genau
Wir sind da
um einander zu wiegen
uns gegenseitig die
bösen Träume zu verscheuchen
Blumen im Haar zu tragen
den Raum mit Rhythmus zu füllen
Und weißt du noch
wann wir unserem Gott begegnet sind?
Und wo genau?
© Friederike Hermanni, 2026
Hände im Mehl
Auf der Lichtung
unserer gemeinsamen Zeit
hast du plötzlich
deine Hände im Mehl
unsere Zukunft birgt
süßes Brot
und so brechen wir
mit unseren Vorstellungen
wie die Dinge zu sein haben
wir öffnen uns
der Kapelle unserer Umstände
die sich zeigt
wenn der Lichtstrahl im Fenster
den Staub erhellt
wenn wir von unseren Zweifeln
aufblicken
unsere Gesichter dem Himmel zuwenden
dort wo die Luft weich ist
wo wir uns endlich sehen
© Friederike Hermanni, 2026
Begegnung mit einer alten Frau
Ihr Tag war schon schwer
morgens die Tabletten vertauscht
das unbekannte Läuten an der Tür
verwirrt
Wo sind die Patience-Karten
mittags dann raus
keine Zigaretten mehr
An der Ecke kreuzen sich unsere Wege
sie hat Lippenstift aufgelegt
etwas zu viel
für den Mann am Kiosk
sie schaut mich an
Ein Mensch schaut mich an
Ich schenke ihr mein Lächeln
© Friederike Hermanni, 2026
so etwas wie
in der Ferne das Verlorene
das Abgestoßene all das
in grobes Leinen Gehüllte
mit dem Fluten des Meeres
fliehe ich mit dem erstbesten Schiff
die Dünen sie warten schon
ich beginne zu gehen
immer weiter
auf gekennzeichneten Wegen
die Landschaft braucht Schutz
zu dieser Jahreszeit spielen
die Farben ins Graue ins Braune
der Himmel das Wasser mattblau
ich bin zart und robust
kann Salz kann Wind kann Sandflug
gehe immer weiter
kurz vor der Aussichtsdüne
am Wegesrand ein Zierapfel
vielblütig rosa
in mir ein Aufatmen
so etwas wie Freude
© Friederike Hermanni, 2026
Es gibt sie
Es gibt sie die Sonne
hellwarm
den Wildapfel
den späten Ruf der Waldohreule
aus den Bäumen
Ja
ich denke daran
an die Fehden unserer Jahre
ich denke daran
dass meine Worte
deinen Himmel entweihten
dass sie sich aufbäumten
die Dinge zu verzerren
in wilde Blüten des Leids
Doch es gibt sie die Sonne
die Luft
den Ruf des Vogels aus den Bäumen
das Licht in meinem Dunklen
und den Dank
für unsere Zeit
Parallelgedicht zu Rose Ausländers
Gedicht ohne Titel „Dennoch Rosen…“
© Friederike Hermanni, 2026
Gerade entdecke ich die deutsch-jüdische Dichterin Rose Ausländer (*1901 – 1988) neu, bin immer wieder fasziniert von ihrer poetischen und gleichzeitig so klaren Sprache. Und ihrer Aktualität. Es birgt eine ungemeine Kraft, mich von ihr inspirieren zu lassen. Hier ein Parallelgedicht zu ihrem Text „Verwundert“:
Ist es möglich?
Wenn der Frieden uns trägt
unsere Häuser stabil sind unser Bett unser Tisch
Denk an die Felder die Städte
wo Menschen Gesichter fallen
Auf allen Kanälen
Ruinen voller Rauch
Auf unserem Tisch ein warmes Gericht
wie ist es möglich
dass uns das nicht betrifft
© Friederike Hermanni, 2026
Trost
Ich habe mich losgesagt
Nun gibt es nur noch den einen Weg
zu mir selbst
Ich gehe die Straße
deren Schritte ich nicht kenne
Der Weg ist von Tränen gesäumt
Doch wenn ich den Blick hebe
an den frischen Zweigen
die Kirschblüte
Ich habe mich zu mir selbst bekannt
Habe alles losgelassen
was mich trug, mich festhielt
Nun sind Schatten um mich
Die Schatten, die Dunkelheit
aus meinen eigenen Worten
Doch wenn ich den Blick hebe
an den frischen Zweigen
die Kirschblüte
© Friederike Hermanni, 2026
Bald wird dein Himmel hell
Schenke deine Ängste
den Gezeiten
Noch
flimmert der Mond
noch
ruhen deine Träume
quasi under cover
reichen deine Nächte
nur bis zum Horizont
Bald
rufen dich die Möwen
tragen dich ans Meer
bald darfst du hoffen
zum Leben erwachen
bald wird dein Himmel hell
Löse deine Fesseln
Und komme zu dir
Parallelgedicht zu
Rose Ausländers „Noch bist du da“
© Friederike Hermanni, 2026
2025 war für mich ein Jahr der Abschiede – vier Menschen, die mir nahestanden, sind gegangen. 3 Mal war es ein sehr langes Leben, 1 Mal der Krebs. Die Zeit hat mich viel gelehrt und ich lerne das Leben immer besser kennen. Meine Traurigkeit über den letzten Verlust war lange in mir versiegelt, nun taucht sie langsam auf.
Dein Alter
Es war am Ende
eines Sommers als ich
deine Zerbrechlichkeit
in meinen Händen hielt
Ein Staunen über den Raum
der weit wurde
dein Alter trug die
Farbe der Zärtlichkeit
Ich berührte deine Schläfen
bot dir meine Gegenwart
als Krückstock deiner
fragilen Gedanken
Deine letzten Fragen
ob du alles bedacht hättest
ob alle schon da wären
ob das Auto bereitstünde
Im Frühherbst betteten wir dich
unter Bäumen es kam der Schnee
nun beschützt der Winterhimmel
meine Tränen
Für meinen Vater
1932 – 2025
© Friederike Hermanni, 2026
Ein paar Jahre
Vorstellbar?
Dass Diktatoren sterben?
Dass das CO₂-Ding gelöst wird?
Dass mein Nachbar die Liebe entdeckt?
Das würde vorerst reichen.
Ich glaube fest daran,
dass noch Zeit ist,
bis die Sonne uns verschluckt.
© Friederike Hermanni, 2026