Über meine Mutter

Über meine Mutter

Im Stall tritt die Kuh nach mir
ich lande kopfüber im Mist
Wie werde ich den Geruch wieder los
wir wollten heute Abend tanzen gehen
mein Kleid hat mir noch nie so gut gepasst
Im Stall tritt die Kuh nach mir
ich lande kopfüber im Mist

                        *

Ich weiß dass in diesem Bett einer schläft
der mich nachts mit seinen Augen umfängt
Hätte ich ein Kleid um mit ihm zu gehen
eines in dem ich nicht schäbig scheine
eines das sich beim Tanzen dreht
Ich weiß dass in diesem Bett einer schläft
der mich nachts mit seinen Augen umfängt

                      *

Nie saß ich in einem Café am Tisch
und erzählte einer Freundin von mir
Dafür hatten wir damals keine Zeit
mit ihr meine Liebe zu verhandeln
das Geheimnis das mich zerriss
Nie saß ich in einem Café am Tisch
und erzählte einer Freundin von mir

                      *

Ich zerwühle mit dem Jungen das Bett
noch üben wir das Küssen
Das Gesicht meiner Mutter erscheint in der Tür
im Garten dann das große Verhör
eine große Gefahr steht im Raum
Ich zerwühle mit dem Jungen das Bett
noch üben wir das Küssen

                      *

Ein Lupinenmeer im Norden Kaliforniens
meine Mutter gerät in Ekstase
Dieses Blau dieses Blau diese Farbe
ruft sie schreit sie gibt sich hin
das ist das größte Glück für sie
Ein Lupinenmeer im Norden Kaliforniens
meine Mutter gerät in Ekstase

                 

© Friederike Hermanni, 2026

Schatten vertreiben

Schatten vertreiben

Will schreien
angesichts der Verfinsterung
der Vereinfachungen

will mir von Perlenketten
Scheiteln von blauen Jackets
und falschem Lächeln

nicht das Leben verdunkeln lassen
will auch morgen noch
tausend Sprachen hören

will alle Farben dieser Welt
von schwarz bis karamell
von weiß bis global

will uns in Freiheit sehen
den Regenbogen im Gepäck
mit Liebe in allen Facetten

ich will das knallbunte Leben
und Schatten vertreiben
wo ich nur kann


© Friederike Hermanni, 2026

Erinnerung

Erinnerung

grüngolden flutendes
Licht
der Kerzen
verflackert mein
Zeitgefühl
deine Hände sie
warten schon
zartfaserige zärtliche Seide
wollen Flüsse
auf meinen Körper zeichnen
Felsartiges verändert
den Aggregatzustand
man stelle sich Bilder
von Salvador Dali vor
ich sammle mich in dir
verwandele mich
werde zum Fließgewässer


© Friederike Hermanni, 2026

Acht Haikus

Farben meiner großen Liebe –
eine Geschichte in acht Haikus

da tauchtest du auf
am Rand des Feldes aus Gold
und gingst nicht mehr fort

viele Landschaften
durchquerten wir von Brandrot
bis schlammiges Grau

wir ließen keine
Weggabelung aus trennten
uns in dunklem Blau

fanden uns wieder
und doch immer wieder bis
es gluthell flammte

licht funkelnd flirrend
leuchtend jeder Neuanfang
wir gaben nie auf

so oft haben wir
uns frisch für uns entschieden
polychrom und frei

ich weiß es nun ich
will alle Schattierungen
mit dir auskosten

will die Leinwände
des ganzen langen Lebens
mit dir entfachen


© Friederike Hermanni, 2026

Ein frischer Tag

Ein frischer Tag

Ich arbeite mich
aus der Felsenlandschaft meiner Träume

Kein dringender Anlass
aufzustehen keine
Zwangsjacken

Es muss alles aus mir
selbst entstehen

Ich schneide den Tag an
wie die Rinde eines
frischen Brotes

Und frage mich
welche Gedanken aus diesem Tag

gefräst werden wollen

© Friederike Hermanni, 2026

Begegnung mit einer alten Frau

Begegnung mit einer alten Frau

Ihr Tag war schon schwer
morgens die Tabletten vertauscht
das unbekannte Läuten an der Tür
verwirrt
Wo sind die Patience-Karten
mittags dann raus
keine Zigaretten mehr

An der Ecke kreuzen sich unsere Wege
sie hat Lippenstift aufgelegt
etwas zu viel
für den Mann am Kiosk
sie schaut mich an
Ein Mensch schaut mich an

Ich schenke ihr mein Lächeln

© Friederike Hermanni, 2026

Ist es möglich?

Gerade entdecke ich die deutsch-jüdische Dichterin Rose Ausländer (*1901 – 1988) neu, bin immer wieder fasziniert von ihrer poetischen und gleichzeitig so klaren Sprache. Und ihrer Aktualität. Es birgt eine ungemeine Kraft, mich von ihr inspirieren zu lassen. Hier ein Parallelgedicht zu ihrem Text „Verwundert“:

Ist es möglich?

Wenn der Frieden uns trägt
unsere Häuser stabil sind unser Bett unser Tisch

Denk an die Felder die Städte
wo Menschen Gesichter fallen

Auf allen Kanälen
Ruinen voller Rauch

Auf unserem Tisch ein warmes Gericht
wie ist es möglich
dass uns das nicht betrifft


© Friederike Hermanni, 2026

Bald wird dein Himmel hell

Bald wird dein Himmel hell

Schenke deine Ängste
den Gezeiten

Noch
flimmert der Mond
noch
ruhen deine Träume
quasi under cover
reichen deine Nächte
nur bis zum Horizont

Bald
rufen dich die Möwen
tragen dich ans Meer
bald darfst du hoffen
zum Leben erwachen
bald wird dein Himmel hell

Löse deine Fesseln
Und komme zu dir

Parallelgedicht zu
Rose Ausländers „Noch bist du da“

© Friederike Hermanni, 2026

Dein Alter

2025 war für mich ein Jahr der Abschiede – vier Menschen, die mir nahestanden, sind gegangen. 3 Mal war es ein sehr langes Leben, 1 Mal der Krebs. Die Zeit hat mich viel gelehrt und ich lerne das Leben immer besser kennen. Meine Traurigkeit über den letzten Verlust war lange in mir versiegelt, nun taucht sie langsam auf.

Dein Alter

Es war am Ende
eines Sommers als ich
deine Zerbrechlichkeit
in meinen Händen hielt

Ein Staunen über den Raum
der weit wurde
dein Alter trug die
Farbe der Zärtlichkeit

Ich berührte deine Schläfen
bot dir meine Gegenwart
als Krückstock deiner
fragilen Gedanken

Deine letzten Fragen
ob du alles bedacht hättest
ob alle schon da wären
ob das Auto bereitstünde

Im Frühherbst betteten wir dich
unter Bäumen es kam der Schnee
nun beschützt der Winterhimmel

meine Tränen

Für meinen Vater
1932 – 2025

© Friederike Hermanni, 2026

Ein paar Jahre

Ein paar Jahre

Vorstellbar?
Dass Diktatoren sterben?
Dass das CO₂-Ding gelöst wird?
Dass mein Nachbar die Liebe entdeckt?

Das würde vorerst reichen.

Ich glaube fest daran,
dass noch Zeit ist,
bis die Sonne uns verschluckt.

© Friederike Hermanni, 2026

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