Perspektive

Perspektive

ganz klar im Fokus steht

mein Menschsein ist begrenzt

will durchblicken durch die nie enden wollenden Zuschriften, Fondssparpläne und potenziell interessanten Goldankäufe

ist es heute noch relevant zu fragen, wo die Mitte ist, wo das Feuer seinen Ursprung nimmt, wo ich das Messer ansetzen, wo ich die Erde auftrennen kann wie eine reife Avocado?

ich habe verstanden, dass man das Geschäftsgebaren jetzt digitalisieren müsse, alles werde ab sofort effizienter, das Leben, ganz bequem vom Sofa aus, bitte erzeugen Sie jetzt ein Passwort wir senden Ihnen dann per SMS eine PIN, mit der können Sie den Zugangscode aktivieren, der ist nur 5 Minuten gültig, dann beginnt der Prozess von vorn, vergessen Sie nicht, sich zu identifizieren, all das während draußen der Presslufthammer, weil Glasfaser verlegt wird, alles wird dann schneller, ich kann meinen Verbraucherpflichten dann noch besser nachkommen

bin ich irgendwann durch all das durch? sitze ich dann auf der Lichtung, der Tannenboden weich, von Moos durchsetzt, Käfer gibt es da, flutendes Licht, Mikroorganismen, die den Boden lockern

und doch muss ich jetzt bestätigen, dass ich im letzten Jahr mindestens ein Termingeschäft absolviert habe, mir Bankgeschäfte keine Angst einjagen und ja, ich bin ein Mensch, ich glaube, ich bin ein Mensch, wenigstens daran möchte ich noch festhalten

ganz klar im Fokus steht

mein Menschsein ist begrenzt

bald werden die Chips eingepflanzt

© Friederike Hermanni, 2026

Dein Alter

2025 war für mich ein Jahr der Abschiede – vier Menschen, die mir nahestanden, sind gegangen. 3 Mal war es ein sehr langes Leben, 1 Mal der Krebs. Die Zeit hat mich viel gelehrt und ich lerne das Leben immer besser kennen. Meine Traurigkeit über den letzten Verlust war lange in mir versiegelt, nun taucht sie langsam auf.

Dein Alter

Es war am Ende
eines Sommers als ich
deine Zerbrechlichkeit
in meinen Händen hielt

Ein Staunen über den Raum
der weit wurde
dein Alter trug die
Farbe der Zärtlichkeit

Ich berührte deine Schläfen
bot dir meine Gegenwart
als Krückstock deiner
fragilen Gedanken

Deine letzten Fragen
ob du alles bedacht hättest
ob alle schon da wären
ob das Auto bereitstünde

Im Frühherbst betteten wir dich
unter Bäumen es kam der Schnee
nun beschützt der Winterhimmel

meine Tränen

Für meinen Vater
1932 – 2025

© Friederike Hermanni, 2026

Aufwiegen

Aufwiegen

Die Schatten der Oleandersträucher
sie kühlen unsere Gesichter
die noch hell sind vom Lachen
in diesem Wintersommer
an der Küste von Carmel

Es riecht würzig
nach den Kaffeeröstereien, nach Bohnen, nach Bier
und manchmal wird es Abend
da hältst du meine Hand
dann kommt sie die Angst

Ich betrachte all die Jahre
sehe mein Tun und das Lassen
all das Zentrale
was zu bergen so schwer
und die Rechnung, sie rundet sich nie*

*inspiriert von Rudolf Alexander Schröders
Gedicht „Schatten“ (um 1930)

© Friederike Hermanni, 2026

Entwicklung

Entwicklung

Was wird

…wenn wir den Vorhang dieser Welt sanft zur Seite schieben?

Was wird

…wenn wir lernen, Gedanken wie eine Schrift zu lesen?

…wenn wir uns in der Sichtweise einer Mitkreatur wiederfinden?

…wenn wir daran glauben, dass nicht nur Wellen in der Luft liegen?

Was wird

…wenn wir ab sofort unsere Geheimkräfte einsetzen?

…wenn das Bild unserer Selbst der zukünftigen Realität entspricht?

…wenn wir einfach davon ausgehen, dass es klappen wird?

Was wird

…wenn wir die Flügeltüren zu den Parallelwelten öffnen?

Es bleibt allein die Frage, was aus dem Zirkus wird,
wenn wir uns alle zu Trapezkünstler*innen
entwickeln.

© Friederike Hermanni, 2026

Ein paar Jahre

Ein paar Jahre

Vorstellbar?
Dass Diktatoren sterben?
Dass das CO₂-Ding gelöst wird?
Dass mein Nachbar die Liebe entdeckt?

Das würde vorerst reichen.

Ich glaube fest daran,
dass noch Zeit ist,
bis die Sonne uns verschluckt.

© Friederike Hermanni, 2026

Silvestermoment

Silvestermoment

Feuerpirouetten am Himmel.
Geburtslärm.
Das neue Jahr tritt auf.
Ich denke an die Vögel,
die die Orientierung verlieren.
An die Menschen und
ihre Traumata
des Raketenlärms wegen.
Im Sprühregen der Lichter
frage ich mich:
Was mache ich
in diesem neuen Jahr
mit dem Tod, den ich manchen
an den Hals wünsche?
Würde es mich zu einem
besseren Menschen machen,
die Teufel in Liebe zu baden?
Als Voraussetzung
für eine bessere Welt?

Ich betrete eine
nie dagewesene Zeit.

© Friederike Hermanni, 2026

Wasser

Ein friedliches, freundliches und kreatives Jahr 2026 wünsche ich euch allen!
Schön, dass wir uns hier auf der lyricfactory begegnen!

Wasser

Ich träume vom Wachwerden
will all die Wunder zählen
öffne die Augen

Um mich ein Fließen
bin Teil des Wassers
schalte den Angstknopf aus

Fluide die Welt
und all die Wirklichkeiten
Ich leiste keinen Widerstand

© Friederike Hermanni, 2026

Aus der Asche

Aus der Asche

Ich habe mich mit deinen Farben und Gesichtern umstellt. Habe deiner Welt erlaubt, Wurzeln in mir zu schlagen. Habe deine Stimmen einsickern lassen, bis der Pegel stieg. Und habe die Glanzbilder meiner Liebe doch immer wieder von dir gelöst, bis wir ganz nackt waren. Da, wo die Illusionen zu Asche zerfallen.

Und aus der Asche
wuchs unzersetzliches Zeugs
zwischen uns zweien

© Friederike Hermanni, 2025

im Regen

im Regen

noch stehen wir
wieder und wieder im Regen

haben die
Jacken gewendet
tragen das Innere nach außen

noch hängt feuchte Luft
in unseren Zimmern

noch haben wir
das Silberbesteck nicht
versetzt

und noch hältst am Ende
immer du meine Hand

für Gun

Unter leiser Sonne

Wer mag, höre „The Tree“ von Ludovico Einaudi zu diesem Text:

Unter leiser Sonne

ein Nebeneinandersein
unter leiser Sonne
ein Licht
in dessen Obhut wir
nichts als grüne Luft
einatmen
am Moos der Kiefern
orten wir unsere
Existenz verbinden
all das Offene
mit dem sandigen Boden
vermessen den Tau der Buchen
finden Schmetterlingsblütler
du erklärst mir das rote
Schichtgestein
der 4,5 Milliarden
alten Erde die
unsere Schritte aufnimmt
als sollte es nie
anders gewesen sein

© Friederike Hermanni, 2024

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