so etwas wie
in der Ferne das Verlorene
das Abgestoßene all das
in grobes Leinen Gehüllte
mit dem Fluten des Meeres
fliehe ich mit dem erstbesten Schiff
die Dünen sie warten schon
ich beginne zu gehen
immer weiter
auf gekennzeichneten Wegen
die Landschaft braucht Schutz
zu dieser Jahreszeit spielen
die Farben ins Graue ins Braune
der Himmel das Wasser mattblau
ich bin zart und robust
kann Salz kann Wind kann Sandflug
gehe immer weiter
kurz vor der Aussichtsdüne
am Wegesrand ein Zierapfel
vielblütig rosa
in mir ein Aufatmen
so etwas wie Freude
© Friederike Hermanni, 2026
Es gibt sie
Es gibt sie
Es gibt sie die Sonne
hellwarm
den Wildapfel
den späten Ruf der Waldohreule
aus den Bäumen
Ja
ich denke daran
an die Fehden unserer Jahre
ich denke daran
dass meine Worte
deinen Himmel entweihten
dass sie sich aufbäumten
die Dinge zu verzerren
in wilde Blüten des Leids
Doch es gibt sie die Sonne
die Luft
den Ruf des Vogels aus den Bäumen
das Licht in meinem Dunklen
und den Dank
für unsere Zeit
Parallelgedicht zu Rose Ausländers
Gedicht ohne Titel „Dennoch Rosen…“
© Friederike Hermanni, 2026
Ist es möglich?
Gerade entdecke ich die deutsch-jüdische Dichterin Rose Ausländer (*1901 – 1988) neu, bin immer wieder fasziniert von ihrer poetischen und gleichzeitig so klaren Sprache. Und ihrer Aktualität. Es birgt eine ungemeine Kraft, mich von ihr inspirieren zu lassen. Hier ein Parallelgedicht zu ihrem Text „Verwundert“:
Ist es möglich?
Wenn der Frieden uns trägt
unsere Häuser stabil sind unser Bett unser Tisch
Denk an die Felder die Städte
wo Menschen Gesichter fallen
Auf allen Kanälen
Ruinen voller Rauch
Auf unserem Tisch ein warmes Gericht
wie ist es möglich
dass uns das nicht betrifft
© Friederike Hermanni, 2026
Trost
Trost
Ich habe mich losgesagt
Nun gibt es nur noch den einen Weg
zu mir selbst
Ich gehe die Straße
deren Schritte ich nicht kenne
Der Weg ist von Tränen gesäumt
Doch wenn ich den Blick hebe
an den frischen Zweigen
die Kirschblüte
Ich habe mich zu mir selbst bekannt
Habe alles losgelassen
was mich trug, mich festhielt
Nun sind Schatten um mich
Die Schatten, die Dunkelheit
aus meinen eigenen Worten
Doch wenn ich den Blick hebe
an den frischen Zweigen
die Kirschblüte
© Friederike Hermanni, 2026
Bald wird dein Himmel hell
Bald wird dein Himmel hell
Schenke deine Ängste
den Gezeiten
Noch
flimmert der Mond
noch
ruhen deine Träume
quasi under cover
reichen deine Nächte
nur bis zum Horizont
Bald
rufen dich die Möwen
tragen dich ans Meer
bald darfst du hoffen
zum Leben erwachen
bald wird dein Himmel hell
Löse deine Fesseln
Und komme zu dir
Parallelgedicht zu
Rose Ausländers „Noch bist du da“
© Friederike Hermanni, 2026
Perspektive
Perspektive
ganz klar im Fokus steht
mein Menschsein ist begrenzt
will durchblicken durch die nie enden wollenden Zuschriften, Fondssparpläne und potenziell interessanten Goldankäufe
ist es heute noch relevant zu fragen, wo die Mitte ist, wo das Feuer seinen Ursprung nimmt, wo ich das Messer ansetzen, wo ich die Erde auftrennen kann wie eine reife Avocado?
ich habe verstanden, dass man das Geschäftsgebaren jetzt digitalisieren müsse, alles werde ab sofort effizienter, das Leben, ganz bequem vom Sofa aus, bitte erzeugen Sie jetzt ein Passwort wir senden Ihnen dann per SMS eine PIN, mit der können Sie den Zugangscode aktivieren, der ist nur 5 Minuten gültig, dann beginnt der Prozess von vorn, vergessen Sie nicht, sich zu identifizieren, all das während draußen der Presslufthammer, weil Glasfaser verlegt wird, alles wird dann schneller, ich kann meinen Verbraucherpflichten dann noch besser nachkommen
bin ich irgendwann durch all das durch? sitze ich dann auf der Lichtung, der Tannenboden weich, von Moos durchsetzt, Käfer gibt es da, flutendes Licht, Mikroorganismen, die den Boden lockern
und doch muss ich jetzt bestätigen, dass ich im letzten Jahr mindestens ein Termingeschäft absolviert habe, mir Bankgeschäfte keine Angst einjagen und ja, ich bin ein Mensch, ich glaube, ich bin ein Mensch, wenigstens daran möchte ich noch festhalten
ganz klar im Fokus steht
mein Menschsein ist begrenzt
bald werden die Chips eingepflanzt
© Friederike Hermanni, 2026
Dein Alter
2025 war für mich ein Jahr der Abschiede – vier Menschen, die mir nahestanden, sind gegangen. 3 Mal war es ein sehr langes Leben, 1 Mal der Krebs. Die Zeit hat mich viel gelehrt und ich lerne das Leben immer besser kennen. Meine Traurigkeit über den letzten Verlust war lange in mir versiegelt, nun taucht sie langsam auf.
Dein Alter
Es war am Ende
eines Sommers als ich
deine Zerbrechlichkeit
in meinen Händen hielt
Ein Staunen über den Raum
der weit wurde
dein Alter trug die
Farbe der Zärtlichkeit
Ich berührte deine Schläfen
bot dir meine Gegenwart
als Krückstock deiner
fragilen Gedanken
Deine letzten Fragen
ob du alles bedacht hättest
ob alle schon da wären
ob das Auto bereitstünde
Im Frühherbst betteten wir dich
unter Bäumen es kam der Schnee
nun beschützt der Winterhimmel
meine Tränen
Für meinen Vater
1932 – 2025
© Friederike Hermanni, 2026
Entwicklung
Entwicklung
Was wird
…wenn wir den Vorhang dieser Welt sanft zur Seite schieben?
Was wird
…wenn wir lernen, Gedanken wie eine Schrift zu lesen?
…wenn wir uns in der Sichtweise einer Mitkreatur wiederfinden?
…wenn wir daran glauben, dass nicht nur Wellen in der Luft liegen?
Was wird
…wenn wir ab sofort unsere Geheimkräfte einsetzen?
…wenn das Bild unserer Selbst der zukünftigen Realität entspricht?
…wenn wir einfach davon ausgehen, dass es klappen wird?
Was wird
…wenn wir die Flügeltüren zu den Parallelwelten öffnen?
Es bleibt allein die Frage, was aus dem Zirkus wird,
wenn wir uns alle zu Trapezkünstler*innen
entwickeln.
© Friederike Hermanni, 2026
Ein paar Jahre
Ein paar Jahre
Vorstellbar?
Dass Diktatoren sterben?
Dass das CO₂-Ding gelöst wird?
Dass mein Nachbar die Liebe entdeckt?
Das würde vorerst reichen.
Ich glaube fest daran,
dass noch Zeit ist,
bis die Sonne uns verschluckt.
© Friederike Hermanni, 2026
Silvestermoment
Silvestermoment
Feuerpirouetten am Himmel.
Geburtslärm.
Das neue Jahr tritt auf.
Ich denke an die Vögel,
die die Orientierung verlieren.
An die Menschen und
ihre Traumata
des Raketenlärms wegen.
Im Sprühregen der Lichter
frage ich mich:
Was mache ich
in diesem neuen Jahr
mit dem Tod, den ich manchen
an den Hals wünsche?
Würde es mich zu einem
besseren Menschen machen,
die Teufel in Liebe zu baden?
Als Voraussetzung
für eine bessere Welt?
Ich betrete eine
nie dagewesene Zeit.
© Friederike Hermanni, 2026