Außenansicht meiner Mutter

Außenansicht meiner Mutter

Meine Mutter ist eine Kanonenkugel aus Lebenslust. Rein äußerlich war sie schon immer extrem wandlungsfähig. Nie vergesse ich, in welchem Dress sie früher bei uns im Haus die riesigen Fensterfronten putzte. Den Geruch des Spiritus auf dem weichen Fensterleder in der Nase erinnere ich mich, wie sie zu dieser Tätigkeit eine enganliegende, graue Flanellhose mit einem pinkfarbenen Poloshirt und eine auf der Strickmaschine selbstgefertigte, dunkelblaue Weste trug. Das war ihr Haus- und Reinemachoutfit. Ich fand es als Kind schon rein farblich ziemlich schräg.

         Abends, wenn es dann zu auswärtigen Einladungen ging, brauchte meine Wundermutti nur fünf Minuten, um sich schick zu machen. Sie warf sich ein Kleid über, malte sich die Lippen karmesinrot und besprühte sich mit White Linen von Estée Lauder, fertig war die Abendgarderobe. Einmal allerdings, da ging es zu schnell. Sie saß bei einem abendlichen Zusammensein bei den Böhmers aus der Nachbarschaft auf dem Sofa, so erzählte sie mir, und wollte sich gerade an den Canapés gütlich tun, als ihr Blick auf ihre Füße fiel. Statt Pumps sah sie dort ihre mit Lehm verkrusteten Gartenschuhe von ihrem Nachmittagseinsatz in unserem Rosenbeet. Die Nachbarn galten als sehr diskret.

            Noch heute – mit 94 – legt meine Mutter Wert auf ihr Äußeres, ohne dem jedoch zu viel Bedeutung beizumessen. Sie liebt es, große, bunte Ketten, gerne auch Modeschmuck, passend zur Farbe ihres Kleides zu tragen. Gefragt, was sie denn bei der Bewilligung ihres Pflegegrades 2 mit dem zusätzlichen Geld zu tun gedenke, meinte sie, davon wolle sie ausschließlich „Sekt und Schmuck“ kaufen. Und somit ihr Leben genießen.

Mit Dank an Asta Wolf für ihre Inspiration „Das Kleid meiner Mutter“ :-).

© Friederike Hermanni, 2026

Veröffentlicht inProsa

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2 Kommentare

  1. Liebe Gesine/Friederike !
    Ein hinreißenden Text! Ich habe deine Mutter regelrecht vor Augen!
    Liebe Grüße, Gabriele

  2. Ein wundervoller Text!
    Ich hoffe, es werden noch weitere Texte durch die Mutter-Schreib-Salon-Karten ihren Weg hier her finden.

    Herzlichen Gruß
    Asta

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