Zwei Fenster mit Balkon

Sie war eingesperrt. In einen Raum mit Grenzen. In ihren Körper. In ein Zimmer mit zwei Fenstern und einem Balkon. In ihrem Ich. Nichts war da mehr um sie herum. Die Ehemänner waren entweder gegangen oder vor die Tür gesetzt worden. Das mit dem Beruf hatte sich erledigt. Dafür hatte die Diagnose gesorgt. Auch das Kind war kürzlich flügge geworden. Jetzt war da nur noch Viola. Und ein Tisch und ein Computer. Ein Abo bei einem Essenslieferanten. Ab und zu brachte jemand frische Gedanken vorbei.

            Viola hatte Hunger. Ihre täglichen Fütterungen im Netz machten sie nicht satt. Wenn sie einen ganzen Tag gelesen hatte, fühlte sie sich immer noch unterzuckert. Sie fing an, ihren Freunden lange Briefe zu schreiben. Schrieb von Festen, die sie zusammen gefeiert hatten. Sie erinnerte sich an Blumen in Vasen, einer hatte Drehorgel gespielt. Mit einem anderen hatte sie geflirtet. Sie schaute sich Bilder auf den Plattformen an. Riesenräder, Lagerhallen, Trümmerfelder. Worauf sie Hunger hatte, war ihr unklar. Rausch oder Kugelgewitter? Pferderennen oder Flutkatastrophen? Seifenblasen oder Schlammlawinen? Frankfurter Kranz oder Survivalkekse? Etwas, das in Textur und Format ihren Bildschirm übertraf. Etwas, wovon ihr im Hier und Jetzt übel werden konnte. Etwas, das sie in Stücke reißen könnte oder das ihr die Haut verbrennen würde. Etwas, das zusammenzuckte, wenn man es anbrüllte. Wenigstens hin und wieder.

© Friederike Hermanni, 2022

Veröffentlicht inProsa

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