Vor allem

Die Mühlräder sind stehengeblieben. Es wird nichts mehr produziert. Mein Job existiert nicht mehr, weggefegt von der Angst. Ich kehre der Welt den Rücken und ziehe mich in meine Hütte zurück. Ich habe genug zu essen, Wasser ist auch da, und das Dach ist dicht. Ich ziehe den Stecker aller elektronischen Geräte. Was bleibt nun, jenseits der Bezüge zur Welt? Es wird sehr still. Ich höre nur meinen eigenen Atem, von draußen ein paar Vögel. Ich hole mir den Küchenstuhl und setze mich vor den Spiegel in der Stube. Narzissen blühen in der Vase, durch das Fenster fällt Licht.

Ein Mensch sitzt mir gegenüber. Lockiges wildes Haar, klare grüne Augen, Kurven, ein weißer Pulli, Jeans. Ich sehe mir diese Frau an, ganz gründlich. Vertiefe mich in ihr Gesicht, betrachte ihren Körper so genau es mir möglich ist. Das tue ich für einige Stunden. Zwischendurch verändere ich die Position, stehe auf, trete ganz nah an das Spiegelbild heran, gehe ein paar Schritte zurück und betrachte sie aus einiger Entfernung. Ich denke an all die Jahre, die ich schon mit diesem Menschen zusammenlebe. An all die Dinge, die ich durch ihre Augen sehen durfte. An die Berührungen, die ich durch ihre Haut spürte. An die Gedanken und Gefühle, die ich durch sie wahrnehmen konnte. An das Leben dieses Menschen.

Als der Tag zur Neige geht habe ich die Gewissheit: Wer immer diese Frau da auch ist, ich bin für sie verantwortlich. Ich existiere, um für sie da zu sein. Meine Aufgabe ist es, ihr Liebe zu schenken, und zwar mindestens eine LKW-Ladung pro Tag. Wenn sie diese von mir bekommt, dann kann sie in der Welt bestehen. Dann kann sie selbst Liebe weitergeben. Aber nur dann. Vor allem dann.

Am Abend räume ich den Stuhl zurück und weiß, dass ich nicht mehr einsam bin. Auch ohne den Zirkus da draußen.

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa

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2 Kommentare

  1. …wundervoll!!! und vielen Dank für Dein Vertrauen mich ein Stückchen mehr an Deiner Innenwelt teilhaben zu lassen.

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