Neulich im Park. Wie Fundstücke zu 5-Minuten-Texten werden


Der Flaschendeckel
Verbeult, ramponiert, angerissen, beschmutzt und ausgebleicht. Das ist jetzt also das Ende seines langen, funktionalen Lebens als Vilsa-Wasserflaschendeckel. Irgendwie hatte er sich das anders vorgestellt, der kleine Egon, nennen wir ihn an dieser Stelle so. Er dachte Zeit seines Lebens als Flaschendeckel an seine strahlende Verwandlung im Recyclingzentrum. Zu Granulat eingeschmolzen werden wollte er, zusammen mit tausenden anderen hellblauen Vilsa-Wasserflaschendeckeln. Um dann wiedergeboren zu werden als Campingstuhl, als Gießkanne oder zumindest als Sandalette. In dieser Verfassung hätte er dann ein langes Leben führen und spannende Dinge erleben dürfen. Jetzt lag er da, weggeworfen, am Rande des Weges in diesem in Corona-Zeiten völlig überfüllten Stadtpark und hatte keine Ahnung, was noch kommen sollte. Den Traum eines ewigen Lebens gab er langsam schmerzlich auf. Bis Friederike ihn im Rahmen eines Schreibworkshops fand und ihn in einem kurzen Einstiegstext auf ihre Weise verewigte. Wow – die verschlungenen Wege des Lebens!

Ein Blatt
Herzblatt. Ich habe mein Herzblatt gerade in die Wüste geschickt. Soll er eine neue Oase finden und dort ein frisches Leben beginnen. Oh Himmel, droht dies, ein ganz intimer Text zu werden? Über die neuen Chancen und Möglichkeiten des Daseins als Single? Nein, das möchte ich lieber nicht. Ich möchte ein kleines Plädoyer darüber verfassen, was mich dazu bewegen könnte, das geliebte Herzblatt nicht zu verlassen. Wenn es morgens einen Becher Kaffee ans Bett bringen würde und mich zur Begrüßung auf die Augen küsste. Wenn es mir Butterbrote schmierte, wenn ich einen langen Tag außer Haus vor mir habe. Und eine Eszet-Schnitte zwischen die Scheiben legte. Wenn es sonntags auf dem Sofa über dieselben Zitate in meiner Lektüre lachte, die mir auch gefallen. Wenn das gemeinsame Schweigen nicht inhaltsleer wäre. Wenn es beim Spaziergang am Strand die angespülten Tau- und Seilreste einsammelte und mir daraus ein Schmetterlingsnetz bastelte. So ein Herzblatt hätte ich gerne. Drunter mache ich es nicht. An den Bäumen wachsen viele Blätter.

Holz
Holz liegt auf dem Weg. Ich stolpere fast darüber. Hebe es auf. Betrachte es. Befühle es. Rieche daran. Fast will ich es behutsam in den Mund stecken, um es auch zu schmecken…ach, Mist, ich habe keine Lust auf einen Achtsamkeitstext…Was passiert, wenn ich meinem Hirn erlaube, völlig losgelöst vom Hier und Jetzt über den Begriff „Holz“ zu sinnieren? Holz, Asche, Knete, Schotter, Zaster, Geld, Geschmeide, Gold kommt mir in den Sinn. Was wäre wenn? Wenn ich Holz hätte ohne Ende? Als Erstes baute ich mir ein Haus am See. Mit ausreichend Platz auf der Terrasse für die Hängematte. Den gibt mein Balkon nicht her. Vor allem aber würde ich meinen verarmten Freunden auf der ganzen Welt Zugtickets spendieren, auf dass wir endlose rauschende Feste an diesem See feiern könnten. Mit Torten, leckerem Grillgut und edlen Getränken. Wir würden feiern, speisen, trinken, tanzen, lachen, schwimmen, schreiben und uns in den Armen liegen. Von dem ganzen Holz würde ich ihnen die Verdienstausfälle für ein Jahr finanzieren. Genug Zeit, um die Corona-Krise zu überwinden, Bücher zu schreiben und Kinder in die Welt zu setzen. Um ein neues Leben zu beginnen. Mit einem Wald voller Holz.

© Friederike Hermanni, 2020


Veröffentlicht inProsa
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2 Kommentare

  1. Toller Text „Holz“ !!!
    Ich würde sofort kommen und mit feiern!
    Beim Lesen kommt mir die Frage, wie können wir uns schon jetzt diesen Wunsch nach Feiern, in den Armen liegen und köstlichen Speisen verwirklichen, mit einem Zweiglein Kastanie, Ulme, Eiche?
    Astrid

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