Lächeln kostet nix

Meine Tochter und ich bewohnen in Bremen ein graues Mietshaus mit 18 Parteien. Viele einsame Alte, alleinstehende Junge, außer uns keine Familien, der ein oder andere Hund. Vom Sehen kenne ich die meisten meiner Nachbarn, die in meinem Aufgang sogar mit Namen, aber das ist auch schon alles. Aller Anonymität zum Trotz grüße ich sie grundsätzlich alle, wenn sie mir im Treppenhaus oder auf dem Weg zu den Mülltonnen begegnen. Ich glaube fest an die Macht der Freundlichkeit. Ein Lächeln hier und ein freundliches Wort dort verbessern die Lebensqualität des modernen Menschen ungemein und schlagartig. Das kostet nix und ist ansteckend.

         Agent Corona kam in meinem Block wie gerufen. Plötzlich waren alle Jungen im Homeoffice und die Alten bekamen noch weniger Besuch. Plötzlich begegnete ich den Nachbarinnen viel öfter. Die Welt zoomte sich auf unseren Mikrokosmos zusammen. Mein persönlicher kreativer Umgang mit dem Lockdown war der, mich durch meine Sammlung an Backbüchern zu backen. Und meine erste freundliche Tat war es, meinen Nachbarn Achim, den einzigen, den ich aus dem Nachbaraufgang rechts von mir mit Namen kannte, zu fragen, ob er mir wohl drei Stückchen Möhrenkuchen abnehmen wolle. Nein, wolle er nicht, aber die Mieterin in der Wohnung über ihm, Frau Barkenhoff, die würde wohl gerne Kuchen essen. Und natürlich, ich glaube nicht an Zufälle, kam Frau Barkenhoff just in diesem Moment um die Ecke. Achim stellte uns vor und schon war ein neuer, freundlicher Kontakt zu einer Nachbarin hergestellt. Vier Monate belieferte ich sie immer samstags mit drei Stückchen Kuchen. Momentan tauschen wir Diätrezepte aus.

         Auch der junge Mann, der unter mir wohnt, war plötzlich den ganzen Tag zuhause, genau wie ich. Unsere Begegnungen im Treppenhaus häuften sich. Nach einigen freundlichen Wortwechseln begannen wir recht schnell eine Tauschgemeinschaft. „Hast du Olivenöl, ich mache gerade Pesto?“. „Kannst du mir ein Ei schenken, ich backe gerade Möhrenkuchen?“ „Ich brauche dringend ein 1.000-Teile Puzzle!“ Wir kommunizierten über WhatsApp und legten uns die Sachen vor die Tür. So ging es hin und her bis dahin, dass meine Tochter seine gesamte Plattensammlung ausleihen durfte, als sie zum Geburtstag einen Plattenspieler geschenkt bekam. Dafür bekam er ihr Keyboard, weil er im Lockdown ein altes Hobby aufleben lassen wollte. Wenn er inzwischen wieder verreist, hüte ich seine Katze. Und wenn ich verreise, legt er mir als Willkommensgruß Schokolade in den Kühlschrank. So führten auch hier einfache freundliche Worte im Treppenhaus zu florierender Nachbarschaftshilfe.

Schließlich gab es noch Herrn Grimmig, von dem ich an dieser Stelle schon einmal erzählte. Er ging am Stock und hatte prinzipiell noch nie zurückgegrüßt. Das löste bei mir eine Art Trotzreaktion hervor. Und eines Tages hatte ich es geschafft. Wochen der Isolation hatten auch ihn mürbe gemacht. Eines Tages im Mai schmetterte ich ihm bei der Mülltonne ein fröhliches „Heute scheint wenigstens wieder die Sonne!“ zu und ein verhaltenes Lächeln huschte über sein Gesicht. Vielleicht lag es auch an meiner Corona-Frisur. In der Not war ich dazu übergegangen, meine Locken zu einem Dutt hochzustecken. Womöglich erinnerte ich ihn damit an seine früh verstorbene Frau. Ab dem Zeitpunkt grüßte er immer zurück. Ein weiterer freundlicher Kontakt war entstanden.

         Die Notsituation Lockdown hatte unsere saturierte Sattheit, unser anonymitätsgewöhntes Ignorieren der Nachbarschaft – schließlich leben wir ja alle in unserer eigenen Luftblase – aufgeweicht. Da hatten plötzlich einige erlebt, dass ein paar freundliche Worte zu Menschen im selben Block das Leben angenehmer macht, dass Einsamkeit dadurch bröckeln kann und dass Hilflosigkeit verschwindet, wenn ich andere Menschen um etwas bitte. Ich weiß jetzt, ich kann meinen Nachbarn immer fragen, ob er einen Hammer für mich hat.

         Und die Weiterverbreitung von Freundlichkeit hat jetzt schon dazu geführt, dass Lasse unter mir und Benjamin und Tanja aus dem Nebenaufgang links von mir ein Nachbarschaftsfest auf der Wiese vor unserem Haus planen.  Das hat es bestimmt Jahrzehnte nicht mehr gegeben. Mit Würstchen, Möhrenkuchen und selbstgemachter Musik. Sobald wir uns eines Tages guten Gewissens das Feiern wieder erlauben dürfen. Das wird eine feine Sache. Und kostet nix!

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa

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