Geknackt

Der Lockdown hatte es möglich gemacht. Mit einem Mal war der Radius des alltäglichen Lebens extrem eingeschränkt und die eigenen Nachbarn gewannen plötzlich ungemein an Bedeutung. Ich freute mich riesig, wenn ich bei meinem Gang zu den Müllcontainern mal einen von ihnen antraf. Ein echter Mensch! Wir lächelten uns meist freundlich zu und wagten sogar, ein paar Worte zu wechseln. Nur einer war und blieb stur. Der ältere Herr aus dem Nachbaraufgang mit dem Stock. So oft ich ihn auch grüßte, er blieb stumm und guckte in die andere Richtung, wenn wir uns begegneten. Nach sechs Wochen ohne Frisör hatten sich meine Locken inzwischen in eine Hexenfrisur verwandelt und meine Tochter verpasste mir mit Haargummi und Haarnadeln einen eleganten Dutt. Als ich das nächste Mal mit neuer Haartracht und mit meiner Mülltüte nach draußen trat, begegnete ich diesem Herrn wieder und begrüßte ihn auch diesmal mit einem freundlichen „Guten Tag, Herr Nachbar! Schön, dass wenigstens die Sonne heute wieder scheint.“ Und da hatte ich ihn geknackt: Ein vorsichtiges Lächeln huschte nach sieben Jahren erstmalig über seine Mundwinkel und ich vernahm ein scheues „Hallo!“ Erinnerte ihn meine neue Frisur an seine schon lang verstorbene Frau und freute er sich tatsächlich über meine netten Worte? Was wären wir doch ohne Corona!

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa
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1 Kommentar

  1. Wie schön 🙂 !!!
    Eine ganz nette wahre Geschichte, die bestimmt weitergeht.
    Lieben Dank fürs Teilhabenlassen,
    liebe Friederike,
    schöne Grüße nach Bremen!
    Lisa

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