Fühlen abgesagt

Ein Freitagmorgen im Herbst. Ein Freitagmorgen im Altenheim. Ein Freitagmorgen in der C-Zeit. Mein wöchentlicher Besuch bei der alten Dame, die ich seit 1 ½ Jahren betreue, verläuft wie immer. Gemeinsames Teetrinken, ein kleiner Spaziergang um den Block, das Betrachten des Fotoalbums mit den Babybildern ihrer Kinder. Sie sind mir inzwischen wohlvertraut. Zum Abschied steckt sie mir noch eine Tafel Schokolade zu, wie jeden Freitag. Als ich beim Hinausgehen am Schwarzen Brett im Foyer der Seniorenresidenz vorbeigehe, fällt mir folgender Zettel auf: „Wie fühlen wir uns in Corona-Zeiten? Gesprächsrunde“. Darüber ist ein Zettel geklebt: „Muss leider entfallen.“ So darf jede und jeder Alte in diesem Heim weitgehend allein im Zimmer weiter vor sich hinschmoren. Das Fühlen ist abgesagt. Vor allem das gemeinsame Fühlen. Und das gemeinsame Gespräch über die Erfahrungen, die hier gerade alle eint. Auch abgesagt. Das Alleinsein? Die Einsamkeit? Die Hilflosigkeit? Nein, das dürfen sie alles nicht fühlen. Und darüber sprechen erst recht nicht. Sonst könnten sie daran sterben. Dennoch weiß ich: Meine alte Dame gibt die Hoffnung nicht auf. Immerhin hat sie einen Krieg überlebt.

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa

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