Der Mannlsche Keller

…my only chance is giving up the fight…(ABBA)

Wir spielten im Keller. Immer wieder Schule. Olli und ich saßen eng gequetscht auf einer Miniaturbank und Sonja erklärte uns mit bunten Kreiden das Sonnensystem. Es gab die Sonne, es gab Monde, es gab Planeten, z.B. einen Jupita. Irgendwo dazwischen wir drei, fest zusammengeschweißt durch unsere Spielfelder, durch Regen und Sonnenschein im Wald und auf den Wiesen, durch unser Baumhaus und die Spielhütte, die mein großer Bruder uns gezimmert hatte, durch die Paläste, die wir auf dem Brachland in der Nähe errichtet hatten. Im Winter hielten wir uns jedoch am liebsten im Mannlschen Keller auf. Olli brüstete sich dort immer damit, die Brekkies der Katze Sami futtern zu können, ohne dass ihm schlecht werde. Sami hatte ihr Katzenklo neben unserer Schule und im Vorratsschrank im Nebenraum stapelten sich auf faszinierende Weise die Raviolidosen für schlechte Zeiten. Dahinter lag der Maschinenraum mit Heizöl fürs ganze Jahr sowie die Werkstatt, in der Onkel Heinz Laubsägearbeiten fertigte und sie abenteuerlich bemalte. Schließlich die Garage. Der hellgrüne Audi 100 übertraf zeitlebens den Audi 80 meines Vaters und der gelbe Citroën wurde von Tante Helga nie für etwas anderes genutzt als für Reisen zu diesem Aldi und zurück. Bei dem gebe es Ravioli zum Spottpreis, das erzählte sie gerne meiner Mutter.

            Der Mannlsche Keller spielt schon seit einigen Jahren eine prominente Rolle als Fototapete meiner Gedanken. Von hier aus betrachte ich noch heute oft das Weltgeschehen. Wenn ich dort bin, funktioniert die Welt draußen ganz ohne mich und wenn mich jemand vermisst, weiß niemand wo ich bin. Ich sitze ganz ruhig auf meinem Bänkchen und denke über das Universum nach, Olli und Sonja sind bei mir, Sami schnurrt dazu. Niemand erhebt den Zeigefinger, keiner verhört uns, es knallt nicht, wenn wir Fehler machen. Wenn ich hier zu lange bleibe, verändert dieser Raum allerdings seine Qualität. Irgendwann wird es eng, die Luft wird dünn, Tageslicht fehlt. Langsam wird aus dem Refugium eine dead end street. Wie lange geht Verstecken noch gut? Wie lange ist Geheimhaltung gesund? Wie lange will ich die Angst noch füttern? Der Audi 100 springt wahrscheinlich nur an, wenn ich den Zündschlüssel drehe.

            Eines Nachts vibriert beim Nachdenken über diesen Keller mein Telefon. Und da tauchen sie auf, die Avatare, Gestalten aus reinem Licht, entspringen dem Video meines Bruders, der in London war. Gottheiten, die irdischen Boden berühren, die glänzen, die tanzen, die singen. …I feel like I win when I lose…I couldn’t escape if I wanted to…Sie geben sich fröhlich geschlagen. Mit diesen Wiegenliedern schlafe ich ein. Ich träume, gebe die Waffen ab, bringe meine Angst zur Deponie. Ich werfe sie in große Container, auf denen in dicken Lettern steht: NORMALER MÜLL, SONDERMÜLL, GEFAHRENGUT. Hinein mit der Angst vor den großen Menschen, vor dem Fliegen und Fallen, davor, mich im Spiegel zu sehen. Weg mit den Kämpfen im Kopf, fort mit den Gefechten meiner falschen Gedanken. Und da geschieht es. Die Decke des Mannlschen Keller hebt sich, sie steigt auf, fliegt in die Ferne und verschmilzt allmählich mit den Wolken. Und neue Räume tauchen auf, in alle Himmelsrichtungen offene Räume. Graslandschaften, unbegrenzte Weiten, endlose Himmel. Ich sehe kanadische Wälder, kalifornische Strände, den Pazifik, die Fjorde im Norden, den Himalaya im Osten, die Lagunen und Sonnenplätze des Südens. Der Wind bewegt sanft das Schilfgras. Ich habe die Wanderschuhe geschnürt, den Fallschirm und die Taucherausrüstung im Gepäck, den Autoschlüssel fest in der Hand. Ich werfe den Motor an. Ich atme tief durch. Der Krieg ist zu Ende.

Zu “Waterloo“ von ABBA/Album Waterloo (Deluxe Edition)/1974

© Friederike Hermanni, 2022

Veröffentlicht inProsa

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