Das Weihnachtsgrüßen

Als Stadtkind magst du den Eindruck mit mir teilen, dass das Grüßen der Mitmenschen, denen man auf der Straße begegnet, aus der Mode gekommen ist. In Fußgängerzonen sowieso. Aber in diesen Zeiten sind die Straßen weniger belebt und ein allgemeines Bedürfnis nach menschlicher Verbundenheit greift um sich.

Dieses Weihnachten hatte ich mir vorgenommen, meine Scheu zu überwinden, Fremden etwas Schönes zu wünschen. Und wurde Zeugin, wie sich Energie ratzfatz verselbständigen kann. Deshalb will ich dir vom Weihnachtsgrüßen erzählen. Es geht so:

Wandere am Heiligen Abend zur Dämmerstunde durch die festlich geschmückten Wohngebiete deiner Stadt. Schmettere allen Menschen, die du triffst, ob alleine oder in Gruppen, ein munteres „Frohe Weihnachten“ zu. Du wirst staunen! Die ersten, denen du begegnest, werden noch etwas verwirrt wirken, als wüssten sie nicht so recht, wovon du redest. Aber dann, schon fast im Vorübergehen, werden sie den Gruß mit leiser Stimme, aber dennoch wahrnehmbar erwidern.

Die nächsten Menschen wirst du aus ihrer Einsamkeit wecken, sie werden sich sichtlich freuen, von einem anderen Menschen auf offener Straße gegrüßt worden zu sein. Auch sie werden die ein frohes Weihnachtsfest wünschen, mit schon etwas festerer Stimme.

Dann wirst du den Eindruck gewinnen, das nächste Grüppchen sei inzwischen gut vorbereitet. Die Menschen werden dich anlachen und dir unverzüglich antworten: „Auch Ihnen ein frohes Fest!“

Nach dem vierten oder fünften Grüßen aus Eigeninitiative kann es sein, dass du etwas müde wirst, das Wort einfach so an Fremde zu richten, insbesondere, wenn du im hohen Norden wohnst, wo die Leute von Natur aus eher zurückhaltend sind und sich in der Öffentlichkeit nicht zu nahe treten wollen.

Und dann passiert in aller Regel das Weihnachtswunder. Du wirst z.B. an einem Auto vorbeikommen, aus dem eine deutlich angespannt wirkende Familie etliche Pakete aus den Stauräumen des Wagens hievt. Du denkst dir, die haben jetzt keine Nerven zu grüßen und sagst nix. Als du das Auto fast passiert hast, taucht plötzlich auf dem Fahrersitz das Gesicht eines aufgeräumten Vaters auf und ruft „Fröhliche Weihnachten Ihnen“. Ganz von alleine, ohne dass du auch nur den Mund aufmachen musstest.

Du gehst weiter und passierst eine kleine Ansammlung feingekleideter Menschen. Die Gruppe erscheint dir so groß, dass du entscheidest, dein Gruß würde in der Menge nur untergehen und schweigst. Und dann ertönt – ganz von alleine – aus deren Mitte und direkt an dich gerichtet ein weiteres „Frohe Weihnachten!“

Und so geht es dann deinen ganzen Spaziergang lang weiter. Ein fröhliches Zurufen und Grüßen, sogar die Schüchternen trauen sich jetzt was. Dazu läuten die Glocken.

So ist mir das dieses Weihnachten geschehen, in einer Stadt, in der normalerweise vornehm geschwiegen wird.

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa

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2 Kommentare

  1. Eine neue Weihnachtsgeschichte, die ich im nächsten Jahr meinen Kindern und meinem Mann vorlesen möchte (wenn ich darf). Danke fürs Teilen Deiner Erfahrung! Vielleicht kann ich sie am 1. Januar mit „Frohes Neues Jahr“ wiederholen?
    Alles Liebe B.

    1. Oh ja, lies die Geschichte gerne deinen Liebsten vor, liebe Birgit! Und ja, das Grüßen lässt sich natürlich auf alle anderen Lebensbereiche übertragen: Auf das Neue Jahr, das Ende des Lockdowns, den ersten Frühlingstag …

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