Das Gefühl des Sommers

Sommer 1999. Die Zeit der Sonnenfinsternis. Um mich ist hellblaues, kristallklares, eiskaltes Wasser. Jeden Morgen in diesen 2 Wochen ziehe ich hier im Freibad im Schwabenland um 8 Uhr morgens meine Bahnen. Ich fühle mich kraftvoll und stark, glücklich in meinem 27-jährigen Körper. In mir eine immense Zufriedenheit, in den letzten 6 Monaten in Oslo meine Diplomarbeit geschrieben zu haben. Nun bin ich bei meinen Eltern und formatiere die Arbeit bis hin zur Vollendung. In diesem kühlen, frischen Element spüre ich noch etwas Anderes, ganz stark, ganz präsent. Es ist die Vorfreude auf F. Diesen Seelenbruder werde ich ganz bald in Berlin treffen. Wir kennen uns nur flüchtig aus dem Studium. Aber 4 Monate täglichen Schreibens liegen hinter uns. Jeden Tag wechselten Briefe und Postkarten und E-Mails über den Fjord und über das Meer. Dazu kamen bald noch Telefonate aus der kleinen roten Zelle um die Ecke. Inspiration, Papierfeuerwerke, tollkühne Ideen, unfassbare Nähe waren da im Spiel und bald sollten wir uns in Kreuzberg in die Augen sehen. Die Vorfreude auf diesen Mann mit den dunklen Haaren strömt durch meinen ganzen Körper, wie er jeden Morgen um 8 seine Bahnen im Freibad im Schwabenland zieht. Das Wasser ist kalt. Ich fühle mich jung.

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa
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