Auf Gedeih und Verderb

Alles wäre ganz anders gekommen, wenn ich damals auf der Bank im Englischen Garten in München nicht mit offenem Mund verstorben wäre. Als kleine Anekdote sei nebenbei bemerkt, dass mir niemand den Mund schloss, die Beine auseinanderfaltete und meine Arme auseinandernahm, die ich zur Sicherheit in den jeweils anderen Ärmel meines Jäckchens gesteckt hatte. So wurde ich dann schließlich auch in den Sarg gepackt und auf die Reise geschickt.

Statt nun mein Leben weiter als Schreibkraft im Bundesrechnungshof zu vergeuden, wurde ich von Gott endlich heimgeholt. An der Pforte ins Jenseits – drunten wurden gerade die Trauerreden gehalten – hingen drei große Schilder, vom örtlichen Kindergarten bunt bemalt: Zwei Füße und ein großes L warteten da auf mich. Und plötzlich ertönte aus einer großen lilafarbenen Box eine Stimme, die mich an meinen Großvater erinnerte: Kindchen, hast du da unten auch deine Fußarbeit gemacht? Und hast du bedacht, was Philip Roth einst sagte: „It’s all about love, love, love, love, love, love, love… .!”

Als ich dann durch die Pforte schritt, erwartete mich ein großes Amphitheater und ich sollte vor all diesen Seelen auf dem Wartegleis diese Fragen beantworten. Und ich durfte endlich reden, endlich alles kundtun, was mir wichtig war. En gros ist das meine Fußarbeit: Mich lieben, gut für mich sorgen, meine Grenzen gut bewachen, einfach nur dabei sein, mein Ego überwinden. Und meine Lieben lieben. Ich habe meine Fußarbeit gemacht und ich habe geliebt, ja. Liebe Schwestern und Brüder, nach dieser Pause im Jenseits bin ich bereit für die nächste Runde.

Wenn ich damals im Englischen Garten in München nicht mit offenem Mund verstorben wäre, wäre alles ganz anders gekommen. Vielleicht hätte mich Jacques freundlich geweckt: Es ist Zeit für den 5 Uhr Tee, Madame.

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inProsa
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