Am Straßenrand

Da, am Straßenrand, seht ihr ihn? Da steht an diesem Sommernachmittag ein kleiner Zauberer im purpurfarbenen Mantel. Um ihn herum hat sich schon eine Menschenmenge angesammelt. Er ruft in sein Megaphon:

„Was sind wir alle? Frauen? Männer? Irgendwas dazwischen? Schwarze? Weiße? Bunte? Bayer*innen, Pfälzer, FriesInnen mit dem Binnen-I, Hintertupfinger und Hintertupfingerinnen? Lesben? Cis-Männer? Heteras? Kinder, Töchter, Eltern, Väter? Christen, Buddhisten, Atheisten? Gottlose Spirituelle? Suchende? Findende? Stets sorgenvoll und voller Freude? Und, bei allen Farben und Schattierungen: Menschenkinder! Gleich vor Gott, gleich vor dem Gesetz und gleich vor der Moral. Menschenkinder, die alle scheißen, pinkeln, fressen müssen. Schlafen, ruhen, im Frieden sein. Auch Atmen ist essenziell, Nestbau, Körperkontakt, Wärme, Liebe, ein bequemes Bett.“

Weitere Menschen kommen hinzu, nehmen sich die Stöpsel aus den Ohren, hören ihm aufmerksam zu.

„Und das Leben – was macht euer Leben? Es sucht sich Formen, um zu wachsen, zu blühen, zu verwelken, zu vergehen. Löwenzahn, Nacktmulche, Königinnen. Rosen, Zebras, Bademeister. Zedernblüten, Ringelnattern, Seiltänzerinnen. Energie ist da, in allen Variationen und Facetten: In Viren, in Steinen, im Sand, im Lufthauch, im Wirbelsturm und in der Sonnenhitze. Im Augenaufschlag, im Lächeln, in einem Händedruck. Und schlussendlich: Bewusstsein bricht sich Bahn. Fließt seit Menschengedenken in eure Herzen und Gehirne. Schafft dort phantastische und aberwitzige Gedanken, Kunst, Kultur, Sprache, Musik, Liebesrausch. Und flieht wieder, dann sterbt ihr, ihr Menschen auf Erden. Das Bewusstsein schwappt meeresgleich an und ebbt mit dem Mond wieder ab. Es kommt und geht und verlässt euch nie. Es ist der Stoff, der jeden Knopf mit jedem Stein, mit jedem menschlichen Gedanken und Gefühl verbindet. Der die Grenzen sprengt. Das Bewusstsein sind wir, sind wir alle, jederzeit an jedem Ort!“

Der Zauberer redet sich in Rage. „Unsere vielen Zungen, unserer Sprachen, sie ermöglichen uns, die Dinge füreinander zu übersetzen und in die verschiedenen Rollen auf dieser Bühne zu schlüpfen. Unsere Sprachen sind Brücken in die Welten der anderen Menschen. Lasst sie euch nicht nehmen! Lasst sie euch nicht verbieten!

Öffnet eure 8 Milliarden Welten füreinander, teilt die Galaxien eurer Erfahrungen miteinander! Bläht eure Egos nicht auf! Stellt eure Schokoladenseiten nicht zur Schau! Photoshoppen war gestern, der Retuschierkasten bleibt geschlossen! Jede:r darf einzeln auftreten. Eure Zuschauer mögen eine Handvoll Leute sein, die für euch da sind, es muss nicht immer gleich die ganze Welt sein. Die Menschheit lebt in jedem ‚Du‘, der Kosmos spiegelt sich an jedem Ort.

Schaltet die Rechner aus, der Tumult dort ist zu groß, das Fieber zu hoch. In den Fluten geraten eure Botschaften in Seenot. Eure Gehirne könnten platzen, die Speichermedien explodieren. Beugt dem vor! Findet eine Wiese, klaubt ein paar Hölzer zusammen, zündet ein Lagerfeuer an. Erzählt euch eure Geschichten. Hört einander zu, macht euch Notizen, legt die Arme umeinander und streichelt eure Gesichter. Die Kiesel am Fluss, die Seerosen und die Blaualgen, die Schmetterlinge, die Fledermäuse und die Giraffen, sie werden euch Gesellschaft leisten. Und ein Gott wird euch freundlich zuzwinkern.“

Als der kleine Zauberer an einem Sommernachmittag all das in sein Megaphon gerufen hatte, verbeugte er sich, nahm seinen Hut und verschwand um die nächste Straßenecke.

© Friederike Hermanni, 2021

Veröffentlicht inProsa

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