Wohin?

Heute in der Winterkirche gewesen
Suppe ausgeteilt

Sie trugen zerschlissene Kleidung
die Masken befleckt

Wie den Becher halten
an den Händen die Tüten

Der Hunger stärker als Stolz
die Straßen ihr Pflaster

Nachhause zurückgekehrt
Ein Raum nur für mich

Fließend Wasser, ein Ofen, ein Bett
Brot und Wein, Bücher, Musik

Hier ist es warm
Vor der Tür die Nacht

Einer war zarter als die Anderen
noch nicht lange da draußen

Er hatte sich an die Welt verloren
wusste nicht, wohin nach dem Tag

Die Kirche ist nachts geschlossen

© Friederike Hermanni, 2020

Veröffentlicht inLyrik

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4 Kommentare

  1. Ein schönes Gedicht.
    Ein wahres Gedicht.
    Und trotzdem! Diese Leute da draußen, die alle keinen Hunger haben und mehr als einen Ofen und trotzdem nicht wissen wohin.

    Danke, liebe Friederike, für den Gedanken! Er vereint ohne zu trennen.

    1. Liebe Sandra,
      danke dir! Ja, das wäre ein weiteres Thema für ein weiteres Gedicht oder einen ganzen Zyklus: Nicht wissen wohin trotz äußerem Reichtum! Und: Was ist eigentlich genug?
      Ich wünsche dir für 2021 ausreichend Zeit zum Schreiben, vielleicht als Antworten auf dein persönliches „Wohin?“!
      Liebe Grüße
      FH

  2. Liebe Gesine!
    Auch so schön und traurig, sehr traurig, dein Gedicht, die Zustände.
    Toll, dass du zum Helfen dorthin gehst und immer Augen, Ohren und dein Herz offen sind.
    Meinst du, die Menschen ohne Dach überm Kopf werden in der Kirche zugelassen?
    Ich weiß, dass viele Kirchen etwas für sie tun, aber drinnen hab ich sie bisher nie gesehen.
    So meine Liebe, nun sollten wir mal schlafen. Heut Abend schaute ich den ARD-Film von gestern „Werk ohne Autor“,
    supergut!
    Schlaf gut!
    Lisa😘

    1. Meine liebe Lisa,

      ohne Corona gibt es die Winterkirche auch drinnen, mit Suppe, Kaffee, sogar Musik und heiligen Worten und vor allem Zeit zum Reden. Mit Corona gibt es nur einen Becher Suppe plus Mandarine draußen in der Kälte. Besser als nix, aber auf der Suche nach einem Schlafplatz sind trotzdem viele und jeden Abend wieder.

      Ja, „Werk ohne Autor“ ist großartig, ein weiteres Meisterwerk von Herrn Henckel von Donnermarck, wo doch schon „Das Leben der Anderen“ kaum zu toppen war. Das Thema, das nie vergessen werden darf: die Zwangssterilisation und auch Tötung von psychisch anders Empfindenden sowie die stetigen Fragen nach persönlicher Schuld und das Ringen um die „eigene“ Kunst, die die eigene Wahrheit ausdrückt … das hat mich auch sehr beeindruckt, der Film sei allen sehr ans Herz gelegt!

      Alles Liebe, Gesine Friederike

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