Übermorgen

Damals
gönnte ich mir zuweilen den Luxus,
in kleinen Läden einzukaufen.
Mit echtem Bargeld.
Die Stempelfarbe auf dem Treuepass
war so analog, dass sie
in meiner Geldbörse immer verschmierte.
Goldene Zeiten!
Ich kaufte dort den teuren Tee,
den „Himmelstau“ mit
echten blauen Blüten.

Heute
brauchte ich
die letzten Krümel davon auf.
Jetzt bleiben mir nur noch die
hundertzwanzig Sorten aus dem Supermarkt.
Die „Heiße Liebe“ buhlt mit der „Kleinen Auszeit“
um meine Sehnsucht.
Ich wähle die „Schwedische Blaubeere“,
um mich über den geschlossenen
Einzelhandel hinwegzutrösten.
Die Farbe wärmt mich von innen.

Morgen
werde ich durch die verstorbenen Innenstädte wandern,
mich an den Geruch von frischem Fisch erinnern,
der auf dem Eis in der Theke lag.
Daran, wie schön es war,
Kleidungsstücke in verschiedenen
Farben und Formen in
zu kleinen Kabinen anzuprobieren.
Mir Goldringe probeweise
an die Finger zu stecken.
Bei Jacques einen Caffé Americano zu schlürfen.

Auch morgen noch
werde ich mich weigern,
Tee online zu kaufen.
Ich werde mich auf übermorgen freuen.

© Friederike Hermanni, 2021

Veröffentlicht inLyrik

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3 Kommentare

  1. Liebe Friederike!
    Wie schön,
    wie traurig das Gedicht ist.
    Hier in Göttingen sind die Teeläden geöffnet und viele, viele andere auch, Besitzer oder Angestellte kommen an die Tür, wenn man klopft oder sich verabredet hat und man wird recht gut versorgt in diesen Zeiten. Ich kaufte kürzlich sogar Schuhe und konnte sie vor der Ladentür anprobieren, hätte sie zurückbringen dürfen…, aber, nein, sie passen und gefallen gut!
    Liebe Grüße nach Bremen
    Lisa

    1. Liebe Lisa!
      ja, so unterschiedlich wird in den Bundesländern auch definiert, was zu den Dingen des täglichen Bedarfs alles gehört und was nicht. Das Schönste für mich ist, dass mein Buchladen um die Ecke weiterhin meine Bücherwünsche bestellt und sogar per Fahrradkurier zu mir nach Hause bringt!
      Und das Gedicht liest sich für mich nicht nur traurig, sondern auch vorfreudig auf die Wiedereröffnung vieler kleiner Geschäfte eines Tages, in denen wir wieder einkaufen werden statt an den Amazonas zu reisen!
      Liebe Grüße an die Leine und viel Spaß mit den Schuhen!
      Deine Friederike

  2. Hey! Übermorgen kommt! Es wird wieder und wir werden alles bewusster wahrnehmen. Vielleicht wird uns die Fülle in den Warenhäuser einfach zu viel und wir fangen an, ganz bewusst nach den kleinen Unternehmen zu suchen. Vielleicht ist das sogar eine Chance für viele „kleine“ Unternehmertypen sich ein neues Leben aufzubauen. Viele werden sich wieder ins tosende Leben stürzen und plötzlich denken: Holla! langsam war schöner. Grüße Leonore

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